Shah & Stoffel: Die Kolonialisierung der Vergangenheit - zur Einführung
Abstract: Die hier versammelten Beiträge sind Ergebnis einer interdisziplinären Tagung, die im März 2022, bedingt durch die Kolonialisierung unserer Gegenwart mit dem Covid-19- Virus, online stattgefunden hat. Auch ohne einen physischen Raum zu teilen, haben wir doch deutliche Rückkopplungseffekte zwischen der literatur- und kulturwissenschaftlichen, der kunsthistorischen, wissenschaftsgeschichtlichen und archäologischen Beschäftigung damit, wie Wissen über die Vergangenheit hergestellt wird, wahrgenommen. Die Beschäftigung mit literarischen und kulturellen Traditionen, die Praktiken der Kolonialisierung einüben und propagieren, wie sie Oliver Völker und Johanna Hügel vorlegen; Analysen der wissenschaftlichen Organisationsstrukturen, Rhetoriken und Verfahren, die Vergangenheit vereinnahmen und homogenisieren, sowie der kolonialistischen bzw. nationalistischen Bedingungen, unter denen wissenschaftliche Vergangenheitsforschung stattfindet, wie sie Rabea Conrad, Quintus Immisch und Martin Deuerlein hier exemplarisch vollzogen haben; die grundsätzliche Verlockung, sich als Gesellschaft wissenschaftlich tiefenzeitlich zu verorten und die Fremdheit der Vergangenheit nostrifizierend zu entfremden, wie dies Brigitte Röder darstellt: All diese Auseinandersetzungen damit, wie der historische Kolonialismus nicht allein in der Gegenwart nachwirkt, sondern als Ordnungs- und Wissenssystem die Wahrnehmung, Erforschung und Imagination der Vergangenheit beeinflusst, verdanken sich der Bereitwilligkeit der hier versammelten Autor:innen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie sich die Phänomene, die sie in ihren Analysen untersuchen, jeweils als eine ›Kolonialisierung der Vergangenheit‹ begreifen lassen. (Shah und Stoffel, 24–25)

