Prekäre Heimat. Programmatik und Scheitern eines Entstörungsversuchs

Abstract: ‚Heimat‘ hat nicht nur Konjunktur, sondern erlebt geradezu eine Renaissance. Bemerkenswert ist an ihr jedoch nicht allein die Vielzahl und Lautstärke der Forderungen nach „Umdeutung“ oder „Neuausrichtung“ des Konzepts, sondern auch der Gestus der Aufklärung und Rehabilitation, der das programmatisch Nicht-Neue des Ausdrucks zur Kernforderung einer konservativen Rekalibrierung nicht nur gesellschaftlicher, sondern auch gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Verhältnisse macht. Die damit versuchte Reartikulation von ‚Heimat‘ besteht in der Bekräftigung und Akzeptanz ‚natürlicher‘ Zugehörigkeit, mag sie lokal, regional oder global skaliert sein. Angesichts eines weltweit geführten Diskurses über Prekaritätserfahrungen und Zukunftsunsicherheit mag die Rückbesinnung auf einbettende Naturalisierungsstrategien dieser Art nicht überraschen, aus kulturwissenschaftlicher Perspektive aber muss sie beunruhigen. Es handelt sich nämlich nicht um die harmlose Rückbesinnung auf Tradition(en), sondern legt einen Naturalisierungswillen offen, dessen normative Macht nicht unterschätzt werden darf. ‚Heimat‘ mit den Mitteln und Methoden der Kulturwissenschaften zu beobachten und in seinen normativen Implikationen zu beschreiben ist im gegenwärtigen politischen Klima unbedingt geboten. Allerdings kann diese Auseinandersetzung nur dann Wirkung zeigen, wenn sie ihre Bedingungen und Strategien offenlegt. Das Sonderheft „Prekäre Heimat“ versammelt Störfälle ‚natürlicher‘ Zugehörigkeit und fragt nach den Verfahren, den Orten, den Diskursen und Akteuren dieser Produktion von Naturverhältnis und Wirklichkeit. Im einleitenden Beitrag diskutieren Solvejg Nitzke und Lars Koch die Programmatik und das Scheitern von „Heimat“ als Entstörungsversuch und eröffnen so eine Sammlung von Untersuchungen von ‚prekärer Heimat‘, die von Dinosauriern und Urmenschen bis zu Außerirdischen, von Deutschland und Österreich über Frankreich, Ghana, Zimbabwe, Senegal, die Vereinigten Staaten bis zum Blick auf den Planeten Erde reicht.

‘Heimat’ is booming to a degree that can rightly be called a renaissance. Noticeable is not only the variety of claims to “readjust” and “reframe” the concept, but its role within a conservative attempt to recalibrate societal conditions as well as the circumstances of the humanities and cultural studies. The ‘not-newness’ of the expression, thus, forms the core of an attitude of enlightenment and rehabilitation which attempts to rearticulate ‘Heimat’ in order to affirm a sense of ‘natural’ belonging, whether on a local, regional or global scale. In view of a global debate about experiences of precarity and insecurity towards the future, the return to strategies of naturalization and embeddedness may not be all too surprising, but from a cultural studies perspective it is no less unsettling. It is by no means a harmless reactivation of tradition(s), but unveils a will to naturalization whose normative force must not be underestimated. The current political climate calls for the cultural studies to observe and describe ‘Heimat’ using methods and media to analyze and account for its normative implications. However, this examination can only show the desired effects if it makes transparent its own conditions and strategies. This special issue on “precarious Heimat” assembles disruptions of ‘natural’ belonging and inquires after the techniques, the places, the discourses and actors of this particular way of producing human-nature-relationships and reality. In their opening essay, Solvejg Nitzke and Lars Koch discuss the objectives and failures of ‘Heimat’ as a device of renormalization and disruption management, thus opening the floor for a collection of ‘Heimat’-analyses, which spans dinosaurs, primordial humans and extraterrestrial beings; covers Germany, Austria, France, Ghana, Zimbabwe, Senegal and the United States of America and even a view of the whole Earth.

Keywords: Heimat, Störung, Natur, Naturalisierung, Kulturkritik, Kulturwissenschaft, Herkunft

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Die Semantik von ‚Heimat‘ in Zeitschriften/Literatur des späten 19. Jahrhunderts

Abstract: Der Beitrag fragt, auf welche Weise das Konzept von ‚Heimat‘ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im zeitgenössischen Massenmedium der Zeitschrift etabliert und ausgestaltet wird. Im Rahmen des universellen Anspruchs von Rundschau- und Familienblättern kann der lokal fokussierte Heimatdiskurs als zentrierendes Element für die Miszellaneität periodischer Formate identifiziert werden. Er erlaubt es auf diese Weise auch, nach der Funktion der in diesen Zeitschriften veröffentlichten literarischen Texte zu fragen. Ein Vergleich von Adalbert Stifters kanonisierten Nachkommenschaften mit der heute vergessenen Erzählung Der Schütz’ von der Pertisau von Herman Schmid, dem Herausgeber des Heimgarten, zeigt dabei, dass ‚Heimat‘ nicht nur auf geographische und kulturelle, sondern auch auf genealogische Komplexe bezogen wird und der zugehörige Diskurs in Gestalt von Stifters Kontrafaktur des Szenarios bei Schütz auch auf ironische Zuspitzungen hinauslaufen kann – eine Tendenz, die sich allerdings nur erschließt, wenn man Literatur im Kontext ihres Erstpublikationsorts wiederliest.

The article analyzes how the concept of ‘Heimat’ was established and shaped in the second half of the 19th century in the contemporary mass medium of the journal. In the context of the universal claim and the miscellaneous structure of periodical publications, the locally focused discourse on the homeland serves as a centralizing element. Based on this centripetal function, the article discusses the role of literary publications in these periodicals. A comparison of Adalbert Stifter’s canonized Nachkommenschaften (Descentants) with the today unknown Der Schütz’ von der Pertisau by Herman Schmid, editor of the the journal Heimgarten, shows that “Heimat” refers not only to geographical and cultural, but also to genealogical complexes. Furthermore, Stifter’s satirical revision of Schmid’s demonstrates that irony can also be part of he discourse on the homeland – a tendency which only becomes apparent when we analyze literary texts within the context they were first published in.

Keywords: Landschaft, Genealogie, Stifter, Journal, Journalliteratur, 19. Jh., Heimat, Stifter

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Deep time Heimat. Die prähistorischen Landschaften des Deutschen Reichs

Abstract: Im Deutschen Reich avancierte die Landschaft zum zentralen Medium des Heimaterlebens. Dabei erfuhr die Heimat mittels der Erfahrung von fremden und exotischen Landschaften in den Kolonien eine nie dagewesene räumliche Expansion: aus der Ferne konnte die Nation selbst zur Heimat werden. Während diese räumliche ‚Dehnbarkeit‘ der Heimat (und deren identitätsstiftende Funktion) schon seit Längerem Gegenstand der Forschung ist, erfuhr die zeitliche Dimension der Heimat bislang wenig Aufmerksamkeit. Obwohl die Entdeckung und Entfaltung der geologischen Zeitskala im 19. Jahrhundert neue, unvorstellbar große Zeiträume bereitstellte, blieben der Heimat scheinbar enge zeitliche Grenzen gesetzt. Dieser Beitrag zeigt anlässlich der Untersuchung populärwissenschaftlicher Schriften aus den Jahren 1898–1931 von Alfred Götze und Wilhelm Bölsche, dass im Deutschen Reich parallel zur räumlichen Expansion der Heimat auch eine zeitliche Expansion erfolgte, die über die Verortung der Heimat in der ‚guten alten Zeit‘ weit hinausreichte und über die Ur- und Frühgeschichte bis tief in die Erdgeschichte ausgriff. Im Medium prähistorischer Landschaften erschloss sich den Zeitgenossen eine in zwei Versionen vorliegende deep time Heimat. Eine nationalistische deep time Heimat verortete die nationale Einheit in der Tiefe der Zeit und beförderte damit ein umfassenderes und zugleich abstrakteres, ein ‚nationales‘ Heimaterleben. Eine imperialistische deep time Heimat diente als Anschauungsfall für den ‚Kampf ums Dasein‘ und wies die Expansion der Heimat als einzig möglichen Weg zu ihrer Bewahrung aus.

In the German Reich, the landscape became the central medium to experience Heimat. The exotic landscapes the colonies provided led to an unprecedented spatial expansion: from a distance, the nation itself could become Heimat. While this spatial ‘extensibility’ as well as its capability to establish identity has long been the subject of research, so far the temporal dimension of Heimat has received little attention. The new and unimaginably long periods of time the discovery and exposition of the geological time scale in the 19th century provided seemed not to affect the Heimat. Examining popular scientific writings from the years 1898–1931 by Alfred Götze and Wilhelm Bölsche, this article shows that in the German Reich along with the spatial expansion of Heimat a temporal expansion took place. Including prehistory and earth history, this temporal expansion reached far beyond locating the Heimat in the ‘good old days’. In the medium of prehistoric landscapes, the contemporaries could experience two versions of a deep time Heimat. A nationalist deep time Heimat localized national unity in the depths of time, thus promoting a more comprehensive and at the same time more abstract ‘national’ Heimat. An imperialist deep time Heimat helped to expose the ‘struggle for existence’ and promoted the expansion of the Heimat as the only possible way to preserve it.

Keywords: Urzeit, Deep-Time, Popular Science, Heimat und Erdgeschichte, Imperialismus, Nationalismus

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Der Deutsche in der Landschaft – Borchardt und Benjamin

Abstract: Im Ausgang von Walter Benjamins methodologischer Kritik an Rudolf Borchardts Anthologie Der Deutsche in der Landschaft zeigt der Aufsatz, in welchem Maße der jeweilige Zugriff auf ‚Geistesgeschichte‘ mit einem spezifischen Verständnis von Natur und ‚geistiger Zugehörigkeit‘ verbunden ist. Führt die Einheitlichkeit der Naturbetrachtung nach Goethe’schem Vorbild bei Borchardt zu einem Verständnis von Geschichte als epochenübergreifender Kontinuität und wiederzugewinnender Tradition, bricht bei Benjamin unter dem Vorzeichen des Faschismus das Anschauungskontinuum organisch gewachsener Kulturalität zusammen – ‚Heimat‘ wird in natürlicher wie in geistiger Hinsicht prekär. Das ‚erfahrungssatte Dasein in der Landschaft‘ ist nurmehr im Modus des ‚Eingedenkens‘ möglich, als Zeugnis seines eigenen Untergangs.

Taking its cue from Walter Benjamin’s methodological critique of Rudolf Borchardt’s anthology Der Deutsche in der Landschaft, the article demonstrates how these different approaches connect ‘intellectual history’ and a specific idea of nature. While Borchardt proposes a unifying vision of nature (modelled after Goethe’s) that leads to a concept of history as continuity and a tradition that ist to be regained; with Benjamin the idea of a conceptual continuum and organic culturality collapses in the wake of fascism: ‘Heimat’ becomes precarious intellectually and naturally. Being-in-landscape as a saturated experience is furthermore only possible in a mode of remembrance, that is, as a testament to its own demise.

Keywords: Natur, Landschaft, geschichtliche Identität, Diskontinuität, Morphologie

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Heimat als vergiftetes und sich vergiftendes Ökosystem. Zur Überblendung von Erinnerungs-, Ökologie- und Herkunftsdiskurs in Josef Winklers Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe (2017/18)

Abstract: Kreisläufe sind Thema, Motiv und poetisches Prinzip von Josef Winklers Text Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe (2017/18). Er handelt vom Skelett des SS-Soldaten Odilo Globocnik, das nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Gemeinschaftsacker des Dorfes Kamering vergraben wurde. Ausgehend vom Unverständnis über das kollektive Verschweigen der ‚Entsorgung‘ Globocniks im Gemeinschaftsfeld legt der Ich-Erzähler in einem briefähnlichen Text an seinen Vater diverse Kreisläufe offen, zu deren Stationen Nahrungsmittel, Personen, Narrationen etc. gehören, die das Skelett mit seiner Umgebung verketten. Ausgehend von der das Skelett enthaltenden Erde wird auf lokal zentriertem Handlungsraum eine toxische Nahrungskette nachgezeichnet und zugleich ein über die lokale Verhaftung hinausweisender globaler Schuldzusammenhang angedeutet. Das Konzept ‚Ökosystem‘ bildet das Muster, um Ökologie-, Erinnerungs- und Herkunftsdiskurs verbindend (von) Heimat zu erzählen.

Cycles are a topic, a motive and a poetic principle of Josef Winkler’s novel Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe (2017/18). It deals with the skeleton of the SS soldier Odilo Globocnik, who was buried in the community fields of the village Kamering after the end of the Second World War. Underlining his disapproval of the collective concealment of Globocnik’s end, the first-person narrator demonstrates in a letter-like text to his father various cycles (including food, people, narrations, etc.), that connect the skeleton with its surroundings. Starting with the earth of the community field, a toxic food chain is traced in Winkler’s work, which focusses on the area of the village. At the same time, a global guilt context pointing beyond this area is indicated. The concept of the ecosystem forms the background of the text, which connects ecology, memory and the origin discourse and in this way addresses ideas of home and the homeland.

Keywords: Kreislauf, Ökologie, Josef Winkler, Heimat, Toxicity, Ecology, Ökosystem, Vergiftung

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Totale Entheimatung, oder: Die Vertreibung des Menschen von der Erde. Zur Aktualität von H.G. Wells’ The War of the Worlds

Abstract: Der Beitrag thematisiert anhand einer Analyse von H.G. Wells’ The War of the Worlds (1898) die prekäre Beziehung des Menschen zu seinem vermeintlich „natürlichen“ Heimatplaneten in einem Kriegsszenario, das auf die Vernichtungskriege des 20. Jahrhunderts vorausweist. Bereits Ende des19. Jahrhunderts macht Wells’ Roman die komplexen Rahmenbedingungen bewusst, innerhalb derer der Mensch die Erde als „natürlichen“ Lebensraum ansieht. Zugleich führt der Roman die Folgen vor, die mit einem Vernichtungskrieg und dem dadurch ausgelösten Zusammenbruch aller sozialen, politischen und institutionellen Sicherungssysteme einhergehen. Der Beitrag zeigt, dass Wells’ Text im Zeitalter globaler Flüchtlingsströme sowie elementarer ökologischer Veränderungen weiterhin höchste Aktualität besitzt.

Based on an analysis of H.G. Wells’ The War of the Worlds (1898), this contribution deals with the fragile relationship of humans to their supposedly “natural” home planet in a war scenario that points to the World Wars of the 20th century. Already at the end of the 19th century, Wells’ novel makes us aware of the complex framework within which mankind regards the earth as a “natural” habitat. At the same time, the novel demonstrates the consequences of a war of annihilation and the resulting collapse of all social, political and institutional security systems. The article shows that Wells’ text remains still highly relevant in an age of global refugee flows and elementary ecological changes.

Keywords: War of the World, Heimat, Natur, Planet Erde, Science Fiction

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Zur lyrischen Inszenierung ‚natürlicher Heimat‘ — Der Blick auf den ‚Heimatplaneten‘ in Durs Grünbeins Gedicht Tacchini (2014)

Abstract: Das kurze Gedicht „Tacchini“ des deutschen Lyrikers Durs Grünbein, 1962 in Dresden geboren, aus dem Zyklus Cyrano, oder: Die Rückkehr vom Mond (2014), nimmt sich einem fast schon vergessenen lyrischen Topos an: Denn noch ein klassisches (Sehnsuchts-)Symbol in Gedichten des 18. und 19. Jahrhunderts, scheint die Lyrik der Gegenwart deutlich das Interesse am Mond verloren zu haben. Diese regelrechte ‚Entmystifizierung‘ mag an der ersten Mondlandung liegen, seit aus dem Erdtrabanten im Sommer 1969 ein nun konkret ‚erreichbarer‘ Ort geworden ist. Doch die ‚Eroberung‘ des Weltalls hatte auch einen überraschenden Nebeneffekt, nämlich die ‚Wiederentdeckung‘ der Erde, führte doch der Blick auf den ‚Heimatplaneten‘ erstmals zu einer bewussten Reflektion des Umgangs mit der Natur.
Grünbein greift diese Bedeutungsverschiebung auf, wenn sein Zyklus nun den Topos lyrischer Mondgedichte regelrecht zu dekonstruieren scheint oder die Perspektive dezidiert vom Mond auf die Erde gerichtet wird. So inszeniert das Gedicht „Tacchini“ einen ‚Blick von oben‘ auf die Erde und dreht damit die klassische Betrachterposition um; vielmehr beschreibt das lyrische Ich die vom Weltraum aus sichtbare menschliche Zivilisationstätigkeit und die Eingriffe in die Umwelt.
In Dialog mit philosophischen Ansätzen von Richard Buckminster-Fuller und Günther Anders sowie der Theorie des Anthropozän gesetzt, soll Grünbeins Gedicht der Ausgangspunkt für eine Diskussion des Konzepts vom ‚Heimatplaneten‘ darstellen und die Grenzen ‚natürlicher Heimat‘ hinterfragen.

The short poem “Tacchini” by German poet Durs Grünbein, born 1962 in Dresden, from his cycle Cyrano, oder: Die Rückkehr vom Mond (2014), takes on an almost forgotten lyrical topos: Being a classic symbol in 18th and 19th century poems, the moon apparently became less present in recent poetry. The reason for this proper ‘demystification’ may have been the first actual landing in 1969, making the moon a ‘mere’ place within reach. But the ‘conquest’ of space also had a surprising side effect, namely, the ‘rediscovery’ of the Earth, when the view on the ‘home planet’ led for the first time to a deliberate reflection on the relation between humans and nature.
Grünbein refers to this shift of meaning when his cycle seems to deconstruct the history of moon poems by introducing the new perspective from the moon to the Earth. Thereby, “Tacchini” adopts the ‘view from above’ and thus reverses the classical observing position when the lyrical narrator describes traces of human civilization and environmental pollution visible from outer space. Set in dialogue with philosophical approaches by Richard Buckminster-Fuller and Günther Anders as well as the Anthropocene theory, Grünbein’s poem will be the starting point for a discussion of the concept of the ‘home planet’ and the boundaries of the ‘natural home’.

Keywords: Whole Earth, Spaceship Earth, Durs Grünbein, Lyrik, Heimatplanet, Richard Buckminster- Fuller, Günther Anders

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Wahrnehmungshygiene und Baumpuderrausch. Kleine amazonische Sinneslehre (Lévi-Strauss, Restany, Viveiros de Castro, Kohn, Oloixarac)

Abstract: Der amazonische Regenwald gilt traditionell als Heimat von Sinnestäuschungen. Als das radikal Fremde hält er die selten gewordene Erfahrung bereit, sich als Mensch angesichts einer Fülle von ‚Umwelt‘ in der Unterzahl zu fühlen. Der Beitrag untersucht vor diesem Hintergrund zwei Paradigmen amazonischer Wahrnehmungslehren. Dient er im 20. Jahrhundert als Erfahrungsort für einen letzten Rest „integraler Natürlichkeit“ (Pierre Restany) und bietet eine im Verschwinden begriffene Heimat für den „chronisch heimatlosen“ Europäer (Lévi-Strauss, Frans Krajcberg), scheint er dagegen im 21. Jahrhundert die dringend benötigten Wahrnehmungsmodi für die Verstrickungen zwischen Mensch, Umwelt, Tier, Pflanze und Technik im Anthropozän zu liefern (Eduardo Kohn, Eduardo Viveiros de Castro). Anhand des Romans Constelaciones oscuras (2015; dt. Kryptozän, 2016) der argentinischen Autorin Pola Oloixarac lassen sich die verschiedenen Funktionalisierungen und Imaginationen des Amazonaswaldes als Wahrnehmungsschule nachvollziehen. Zugleich ist der literarische Text mehr als nur fiktionale Verhandlung divergenter Amazonasreferenzen: Er greift indigene Perspektivverschiebungen auf, verkehrt Positiv- in Negativformen und denkt zu Ende, was aktuelle Amazonasethnographien mit Begriffen von Multinaturalismus, Schamanismus und Perspektivismus entwerfen. Da er nicht davor zurückschreckt, die letzte Konsequenz einer „anthropology beyond the human“ zu ziehen, den Menschen als fremdgesteuerten Wirt einer symbiotischen Verbindung zu betrachten, lässt sich an ihm eine Wahrnehmungslehre für die Verstrickungen des Anthropozäns ableiten.

Traditionally, the Amazon rainforest appears to be the natural habitat of illusions and hallucinations. As the fundamental “other” it provides the rare experience for modern human beings to feel outnumbered when faced with the abundance of “nature”, or “Umwelt”. This paper examines two paradigms of amazonian perception, their theorization and literary reflection. While serving as refuge for the last remains of “integral naturalness” (Pierre Restany) or as the vanishing home for the “chronically homeless” European (Lévi-Strauss, Frans Krajcberg) in 20th century, it gives lessons on the necessary modes of perception for the 21th century and its entanglements of humans, animals, plants and technologies in the Anthropocene (Eduardo Kohn, Eduardo Viveiros de Castro). A novel by Argentinian contemporary writer Pola Oloixarac, Constelaciones oscuras (2015; engl. Dark constellations, 2019), draws attention to the different functionalizations and imaginations of Amazon forests. Moreover, the novel seizes on indigenous ontologies, reverses positive and negative forms and completes approaches of modern Amazonian anthropology and their notions of multinaturalism, shamanism and perspectivism. The text ultimately does not recoil from the idea of an “anthropology beyond the human” and its consequences: the human as an externally controlled host in a symbiotic existence. On the basis of Oloixarac’s novel this paper sketches a theory of perception for the entanglements of the Anthropocene.

Keywords: Amazon, Amazonas, Wahrnehmung, Perception, Ethnologie, Anthropology and Literature, Oloixarac, Lévi-Strauss, Umwelt

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Fluide Identitäten

Abstract: In den Literaturen der afrikanischen Diaspora bilden identitätspolitische Fragen nach wie vor einen Schwerpunkt. Aber die Verortung individueller Identität wird mit einer komplexen persönlichen oder familialen Migrationsgeschichte zunehmend schwieriger. Der Artikel diskutiert literarische Konzepte von Identitätsverflüssigung, Erfahrungen der Körperlosigkeit und Strategien des Namenswechsels an beispielhaften Texten von Léonora Miano, NoViolet Bulawayo und Fatou Diome und verdeutlicht, dass ein räumliches Konzept von Heimat heute notwendigerweise nur noch als prekär darstellbar ist und andersartige Identitätskonzepte an seine Stelle treten müssen.

In literatures of the African diaspora, identity politics remain a central topic. However, the process of locating individual identity becomes ever more difficult as personal or family histories of migration become more complex. The article discusses concepts of “identity liquidification”, experiences of bodilessness and strategies of name changing using examples from the work of Léonora Miano, NoViolet Bulawayo and Fatou Diome. It shows that, ultimately, spatial concepts of home have no chance of persisting and appear necessarily precarious. It follows that different concepts of identity need to take their place.

Keywords: Fluidity, liquid identity, diaspora, african literatures, Bulawayo, Diome

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Beyond Sedentarism and Nomadology: Yaa Gyasi’s Homegoing and the Ambivalent Desire for Home

Abstract: Heim und Heimat sind auratische Begriffe, die häufig mit positiven Emotionen und Erlebnissen wie Behaglichkeit, Wärme oder Sicherheit verbunden werden. In solchen Assoziationen wird Heim/at zu einem stabil existenten Ort, einer organischen Gemeinschaft und einem angeborenen Gefühl, d.h. zu einer angeblich natürlichen Erfahrung, die von außen bedroht werden kann. Solch eine ‚sesshafte‘ Metaphysik sieht Mobilität als Pathologie oder Bedrohung und lehnt Heimatlosigkeit, Bewegung und alternative Modelle von Heim/at ab. Diese Konzepte von Heim/at sind von nomadologischen Ansätzen hinterfragt worden. Heim/at wird hier als gefährliche Fantasie und Ideologie verabschiedet, während eine radikale Heimatlosigkeit, Mobilität und nomadische Subjektivität zu einer Quelle für Widerstand gegen Essentialismus und staatliche Kontrolle werden.
Diese binären Oppositionen haben zu Aporien in der Diskussion um Heim und Heimat geführt, die der Artikel nachzeichnet, um, angelehnt an Brahs Konzept des ‚homing desire‘ (1996), anhand der Lektüre von Yaa Gyasis Roman Homegoing (2016) einen dritten Weg zur Konzeptualisierung von Heim/at vorzuschlagen. Anhand der beiden Protagonistinnen Effia und Esi als repräsentativen Beispielen für die ambivalente Sichtweise des gesamten Romans wird verdeutlicht, dass Effias Lebensgeschichte organische, sesshafte Sichtweisen auf Heim/at kritisch kommentiert, während Esis Geschichte aufzeigt, dass die Glorifizierung von Nomadismus und radikaler Heimatlosigkeit ebenso problematisch sein können. Für beide Protagonistinnen und ihre Nachkommen ist Heim und Heimat flüchtig, fluide und problematisch, gleichzeitig aber auch eine Sehnsucht und ein unerfüllbarer Wunsch.

Home is an auratic term that is often connected to positive feelings and experiences like comfort, warmth, or safety. In such associations, home is set up as a pre-existing space, an organic community, and an inborn feeling, i.e. an allegedly natural experience that can become threatened by hostile outside forces. Such a sedentarist metaphysics sees mobility as a pathology or threat and rejects both homelessness and alternative notions of home. However, ideas of home have been ‘mobilised’ in nomadological approaches to home and mobility. Here, home is reassessed as a dangerous fantasy, and a radical homelessness and nomadic subjectivity turns into a progressive source of resistance to essentialist sedentarism and state control.
This binary opposition has led to certain impasses in the discussion of home that the article traces, to then propose a third way of conceptualising home in a close reading of Yaa Gyasi’s novel Homegoing (2016) along the lines of Brah’s notion of a ‘homing desire’ (1996). Using the initial two protagonists, the two sisters Effia and Esi, and their respective chapters as representative examples for the novel as a whole, the close readings show that Effia’s story critically comments on organic, sedentarist notions of home, while Esi’s story underlines that celebrations of nomadism and homelessness are equally problematic. For both characters and their descendants, home is elusive, fluid, and far from unproblematic, but at the same time, home is something longed for and desired.

Keywords: Home; mobility; homing desire; Yaa Gyasi, Homegoing; sedentarism vs. nomadology; family

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Artikel 1
Nitzke & Koch: Prekäre Heimat. Programmatik und Scheitern eines Entstörungsversuchs
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Artikel 2
Pethes: Die Semantik von ‚Heimat‘ in Zeitschriften/Literatur des späten 19. Jahrhunderts
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Artikel 3
Stoffel: 'Deep time' Heimat. Die prähistorischen Landschaften des Deutschen Reichs
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Artikel 4
Neumann: Der Deutsche in der Landschaft – Borchardt und Benjamin
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Artikel 5
Moser: Heimat als vergiftetes und sich vergiftendes Ökosystem. Zur Überblendung von Erinnerungs-, Ökologie- und Herkunftsdiskurs in Josef Winklers 'Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe' (2017/18)
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Artikel 6
Lindemann: Totale Entheimatung, oder: Die Vertreibung des Menschen von der Erde. Zur Aktualität von H.G. Wells’ 'The War of the Worlds'
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Artikel 7
Nesselhauf: Zur lyrischen Inszenierung ‚natürlicher Heimat‘ — Der Blick auf den ‚Heimatplaneten‘ in Durs Grünbeins Gedicht 'Tacchini' (2014)
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Artikel 8
Heyne: Wahrnehmungshygiene und Baumpuderrausch. Kleine amazonische Sinneslehre (Lévi-Strauss, Restany, Viveiros de Castro, Kohn, Oloixarac)
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Artikel 9
Heimgartner: Fluide Identitäten
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Artikel 10
Heinz: Beyond Sedentarism and Nomadology: Yaa Gyasi’s 'Homegoing' and the Ambivalent Desire for Home
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