Claudia Emmert, Ina Neddermeyer, Zeppelin-Museum Friedrichshafen (Hg.) (2017): Möglichkeit Mensch. Körper, Sphären, Apparaturen. Künstlerische und wissenschaftliche Perspektiven. Berlin: Neofelis-Verlag. Eine Rezension von Julius Erdmann

Claudia Emmert, Ina Neddermeyer, ZeppelinMuseum Friedrichshafen (Hg.) (2017): Möglichkeit Mensch. Körper, Sphären, Apparaturen. Künstlerische und wissenschaftliche Perspektiven. Berlin: Neofelis-Verlag.

Die technische Erweiterung des Menschlichen, Human Enhancement und die Ideologie des Transhumanismus stehen in Zeiten von Exoskeletten, bionischen Prothesen und sinneserweiternden Implantaten im Fokus des öffentlichen Diskurses. Es verwundert deshalb nicht, dass in den letzten Jahren mehrere thematisch passende, wissenschaftliche Publikationen erschienen sind (vgl. Heilinger 2010; Coenen et al. 2010; Müller 2014; Clarke et al. 2016; vgl. auch Zilch 2017). Das neu erschienene Sammelwerk „Möglichkeit Mensch. Körper, Sphären, Apparaturen“, Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Zeppelin-Museum Friedrichshafen, sticht aus diesen Publikationen hervor, da es in einer multiperspektivischen Betrachtung technische und künstlerische Exponate der Ausstellung mit kunstgeschichtlichen, kulturhistorischen, kulturwissenschaftlichen, philosophischen und medienwissenschaftlichen Zugängen einer Begleittagung zum Thema zusammenführt.

Einen Ausgangspunkt findet der Band mit Friederica Ihlings Beitrag zur Technikgeschichte der Ballonluftfahrt als Beginn der technischen Aneignung neuer Handlungsspielräume menschlicher Bewegung. Während diese frühen Innovationen weitgehend noch vom Körper abgekoppelt waren, reflektieren die von Claudia Emmert anschließend besprochenen und vorgestellten künstlerischen Positionen, Arbeiten und Interviews die vielfältigen Erweiterungsformen des menschlichen Körpers selbst als transhumane Entwicklungen. Hier wird bereits der Fokus der Ausstellung und des Begleitbandes deutlich: Es wird nach der künstlerischen Reflexion des Menschen als ein Möglichkeitswesen gefragt, welches Grenzen überschreitet, Zukunftsentwürfe herausbildet und Umwelt und soziales Umfeld (technisch) aneignet.

Eben diese Reflexionslinie deutet sich ebenso in den nachfolgenden wissenschaftlichen Beiträgen an. In auf den ersten Blick heterogen erscheinenden, kurzen Stellungnahmen wird der Möglichkeitsraum menschlichen Handelns hauptsächlich als Steuerung und Aneignung von Räumen, Körpern, körperlichen Sinnlichkeiten und körperlichen Grenzen, Menschenbildern, Gemeinschaften und zukünftigen Handlungsmustern entworfen. So reflektiert Karin van den Berg die in der Ausstellung angedeuteten räumlichen Grenzüberschreitungen als die Konstruktion und Exploration neuer Räume. Jörg Scheller und Mirjam Schaub stellen in ihren Texten die historischen Menschenbilder von della Mirandola und Aquin bzw. der antiken Kyniker vor, um menschliches Möglichkeitshandeln einerseits in der expansiven Erweiterung der Grenzen des Körperlichen, andererseits in der radikalen Selbstbeschränkung zu suchen.

Eine kunstwissenschaftliche Perspektive nehmen die Beiträge von Jens Hauser, von Jessica Ullrich und von Stephan Schmidt-Wulffen ein. In Hausers Beitrag werden zeitgenössische künstlerische Praktiken der BioArt hinsichtlich ihrer Konzeptionen von Medialität untersucht, wobei das Lebendige als Milieu und Ermöglichungsbedingung, als Mittel und biologisches System und zuletzt als Regel- und Messsystem konzipiert wird. Ullrich thematisiert die Mensch-Tier Relation in zeitgenössischer Kunst aus Sicht des „Tier-Werdens“. So würden in den besprochenen Werken ästhetische Hybride zwischen Tier und Mensch fabriziert, um einerseits die Ko-Evolution zwischen Mensch und Tier und deren Verhältnisse zu reflektieren und zu dekonstruieren, andererseits werde durch diese Tier-Werdung die Optimierbarkeit des menschlichen Körpers herausgestellt. Der Beitrag von Schmidt-Wulffen fokussiert auf die Kunst Gordon Matta-Clarks, um ihn als Figur der Überschreitung und stete Herausforderung ästhetischer Konzepte vorzustellen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Beiträge liegt auf techno-medialen Aspekten der Erweiterung des Menschlichen. Natascha Adamowsky stellt die Möglichkeiten der digitalen Selbstvermessung des Körpers als eine Form der Selbstoptimierung vor, die, entgegen der Betonung der Vitalität dieser Techniken, ihre Wurzeln und Ideologie in einer digitalen Verwertungsökonomie findet. In Volker Bartenbachs Beitrag wird das Exoskelett nicht nur als Mängelausgleich im Falle von Erkrankung, sondern auch als mögliche Optimierung „gesunder“ Körper thematisiert. Zuletzt wird das Cochlea-Implantat in zwei Beiträgen reflektiert: Einerseits stellt Beate Ochsner das Implantat aus Sicht einer „auditorischen Ökologie“ vor, wobei hier auch das Recht der Deaf-Community auf das Nicht-Hören, als auch Überlegungen zur Verweigerung von Hören einbezogen werden müssen. Andererseits schildert Enno Park seinen persönlichen Zugang zum Cochlea-Implantat als ein Cyborg, der einerseits den Umgang mit der Technik erlernen muss, andererseits seine soziale Zugehörigkeit zu Communities infrage gestellt sieht. Die technischen Erweiterungen des Körperlichen werden in diesen Beiträgen als eine Form der Kontrolle und Steuerung des Körpers – auch in Reaktion auf damit verbundene hegemoniale Prozesse – reflektiert.

Aus anthropologischer und historischer Sicht widmen sich Ulrich Bröckling und Albert Knoll in ihren Beiträgen medizinhistorischen Dimensionen der körperlichen Kontrolle und Grenzüberschreitung anhand der Präventionsdiskurse der Hygiene- und Immunisierungsbewegungen sowie der Humanexperimente in KZs. Besonders hervorzuheben sind zuletzt die diskurs- bzw. literaturanalytischen Untersuchungen von Stephan Packard und von Burkhardt Wolf. Die Stärke dieser Beiträge liegt in der Betonung der Widerständigkeit des menschlichen und des sozialen Körpers als Einschränkung von Möglichkeiten. Packard untersucht die mediale Repräsentation des technisch erweiterten Körpers bei dem selbsterklärten Cyborg Neil Harbisson und im Comic Superior Iron Man. In beiden Darstellungen kommt die menschliche Haut als körperliches Organ und als soziale Oberfläche zum Tragen. Die Bruchlinien der Cyborg-Darstellungen ergeben sich in der Aushandlung beider Ebenen, wobei Momente sozialer Desorientierung, des Verdachts und der Ästhetisierung entstehen. Wolf wiederum stellt den Menschen als Möglichkeitswesen in Musils Mann ohne Eigenschaften vor, welcher nicht nur an den körperlichen Realitäten als Grenzen der Entwicklung scheitern kann, sondern auch über die Möglichkeit der Verweigerung verfügt.

Während in den anderen wissenschaftlichen Beiträgen oft technikdeterministische Diskurse der Steuerung überwiegen, heben vor allem die analytischen, biografischen und künstlerischen Beiträge die Dimensionen des Scheiterns, der Verhandlung, der Suche und der Widerständigkeit innerhalb des (technischen) Möglichkeitshandelns hervor. Eine Besprechung der zugrundeliegenden Konzepte (Grenze, Möglichkeit) sowie eine gründliche Zusammenführung der z.T. disparaten Positionen hätten diese bemerkenswerte Publikation abgerundet.

Literaturverzeichnis

Clarke, Steve/Savulescu, Julian/Coady, C.A.J./Giubilini, Alberto et al. (2016): The Ethics of Human Enhancement. Understanding the Debate. Oxford: University Press.
Coenen, Christopher/Gammel, Stefan/Heil, Reinhard et al. (2010): Die Debatte über ‚Human Enhancement‘. Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen. Bielefeld: Transcript.
Heilinger, Jan Christoph (2010): Anthropologie und Ethik des Enhancements. Berlin, New York: De Gruyter.
Müller, Oliver (2014): Selbst, Welt und Technik. Eine anthropologische, geistesgeschichtliche und ethische Untersuchung. Berlin, New York: De Gruyter.
Zilch, Leonie (2017): Human Enhancement und Möglichkeiten der Alterität. Sammelrezension zu: Körper 2.0 (Harasser 2013), Upgradekultur (Spreen 2015), Keywords for Disability Studies (Adams/Reiss/ Serlin 2015), in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, 16, 1/2017, S. 192-197.