Niels Werber: Selbstbeschreibungen des Politischen – in Serie: Perry Rhodan 1961-2018

Abstract The article explores the thus far most popular German dime novel series which continuously has been published weekly since 1961 and reached hundreds of thousands of readers as archive of societal self-reflection and cultural self-positioning of its readers. The complexity and continuity of the series and its since the beginnings very accessible reception in letters from readers, fanzines, wikis, online forums firstly allow this article fundamental corrections on the principles of mass culture and popular culture research, and secondly enable the investigation of the political of the society which is observed by the series for more than 56 years now, not only by means of the dime novels and its references but likewise on the basis of the intensive controversies about the political of the ever contemporary context and the political of the series Perry Rhodan itself, which can be verified by the readers’ letters column, wikipedia article discussions, posts and comments. Exploring the novel series praxeologically, the paper provides a first insight into the complex pratices of reading and appropriation of Perry Rhodan, disproving the common assumption of the Perry Rhodan-reading public as reactionary, one-dimensional, or fascist. The main hypothesis is: The series observes the political of the society and it provokes, as can be shown in the debates of the online-forums, observations of the political of the society. The paper shows how both authors and readers put their political self-understanding under scrutiny and in jeopardy in diverse wikis, forums, and platforms whereby the Perry Rhodan research gives an extraordinary and – in view of the popularity of the series and the quantity of testimonies of reception – significant insight in the struggles about coherent self-descriptions of the society and its common grounds.

1 Heftromanserien und populäre Kultur

Wenn eine ‚billige‘ Heftromanserie wie Perry Rhodan überhaupt Beachtung in der Forschung gefunden hat, dann aufgrund ihrer Verbreitung. Bis heute sind etwa zwei Milliarden Hefte verkauft worden, es handelt sich zweifellos um die langlebigste und erfolgreichste Science-Fiction-Serie der Welt. Die enorme Popularität der Serie ist in der Forschung allerdings meist als Ausweis ihres kulturellen Unwerts gedeutet worden. Heftromanserien werden gemeinhin der trivialen Literatur und damit der Kultur- oder Bewusstseinsindustrie zugeschlagen (Pehlke, 1970; Bierwirth, 1972; Nutz, 1999), dies gilt auch für die seit 1961 erscheinende Serie Perry Rhodan. Die populärste Serie der deutschsprachigen Literaturgeschichte ist unter den  Bezeichnungen Trivial-, Fabrik oder Massenliteratur als kulturindustrielles Massenprodukt als schematisch, redundant, flach und faschistoid bezeichnet worden (Ellerbrock,1976; vgl. Esselborn, 2003). Diese Hypothesen über den kausalen Zusammenhang kulturindustrieller Produktion und massenhafter Rezeption, die wiederum Unterstellungen zum ‚reaktionären‘
oder ‚faschistoiden‘ Serienprodukt und dem seiner Fasson ganz entsprechenden Rezipienten begründen, werden im Folgenden widerlegt. Aber auch unter dem freundlicheren Rubrum ‚Populärliteratur‘ wird Perry Rhodan über Jahrzehnte hinweg vor dem Horizont hochkultureller Ansprüche und Normen ex negativo oder defizitär bestimmt (Nast, 2017: 18ff.). Gegen diese Diskriminierung konnten zwar Diskursanalyse und cultural studies in Stellung gebracht werden, doch der Nachweis, dass die dominanten Unterscheidungskriterien und Geschmacksurteile einer Epoche Ausdruck hegemonialer Diskurse oder herrschender Klassen sind, hat nicht geklärt, was eine Romanserie aus 2975 Heften ausmacht und wie sie gelesen wird (Dath, 2003). Das Populäre der Heftromanserien blieb so weitgehend unerforscht (Esselborn, 2003: 44; Hügel, 2003: 379, 382). Selbst ein Kenner der Serie schreibt 1986:

„Die Welt Perry Rhodans ist eine Attrappenwelt, die jede Spekulation über gesellschaftliche Hintergründe verbietet.“ (Stache, 1986: 47) Die politischen Referenzen und Friktionen, die ästhetischen Umbrüche und Revisionen in der seit 1961 ununterbrochen erscheinenden Heftromanserie werden von der Forschung notorisch übersehen. Bislang genügen Nennung des Titels und auch geringfügigste Kenntnisse, um Perry Rhodan der Kulturindustrie zuzuschlagen (Bierwirth, 1972; Nutz, 1999), deren Massenprodukte notwendig trivial und stereotyp seien, weshalb von Heft zu Heft „Umgebung oder Personen“ beliebig ausgetauscht werden könnten (Ellerbrock, 1976). Man hat zurecht vom Schematismus dieses Schema-Vorwurfs gesprochen (Esselborn, 2003: 35). Dass die Serie eine eigene Geopolitik hervorbringt, die sich über die Romanzyklen hinweg verändert, weil sie sich in der Auseinandersetzung mit der eigenen Komplexität und der kurrenten Selbstbeschreibungssemantik der bundesrepublikanischen Gesellschaft entwickelt, musste hinter dem plakativen Faschismusvorwurf und der Auflistung passender „Textstellen“ (Ellerbrock, 1976) unbemerkt bleiben.

Mein Beitrag kann jedoch an neuere ethnologische Forschungen (Bendix, 2012; Nast, 2013; Hämmerling, 2017; Nast, 2017) anschließen, die Auf- und Abwertungen ihres Gegenstands vermeiden und die Popularität als Indiz dafür nehmen, ein relevantes ethnographisches Feld zu erschließen. Nast beschreibt detailliert die Akteurnetzwerke, in die die Perry Rhodan-Lektüren eingewoben sind (vom Erwerb am Kiosk bis zum Engagement im Fanclub, von den Orten des Lesens bis zu den Praktiken der Archivierung). Diese für die Erforschung der „Lektürepraktiken“ der Serie wegweisende qualitative Studie verzichtet jedoch selbst auf eine Analyse der Romantexte und berücksichtigt den inhaltlichen und ästhetischen Wandel der Serie nicht. Das Problem der Literaturwissenschaften, über den Texten die Medien der Literatur und die Praktiken der Lektüre zu vernachlässigen (Werber, 2016), wird so von Nast gleichsam spiegelverkehrt reproduziert: „Perry Rhodan lesen“ ohne Text.

Aber warum überhaupt Perry Rhodan? Die Serie eignet sich gerade aufgrund ihrer Kontinuität und Verbreitung für die Erforschung des politischen Common Grounds der Bundesrepublik im Besonderen und die Selbstbeschreibungen der Gesellschaft im Allgemeinen auf einzigartige Weise, weil die Leserinnen der Serie sich in Fanclubs organisieren, Fanzines herausgeben, Foren betreiben, Wikis anlegen und Leserbriefe schreiben, Kommentare posten und Einträge formulieren – und in allen diesen Äußerungsformen nicht nur über die Serie sprechen, sondern im Medium der Serie über die Gesellschaft, die sie in der Serie wiedererkennen. Ich werde zunächst in gebotener Kürze entlang der Paratexte in die Serie einführen, um dann anhand der Beobachtung einiger Foren und Wikis meine These zur Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu entfalten.

2 Perry Rhodan. 1961 und 2011

Am 8.09.1961, einem Freitag, erscheint im Moewig-Verlag der erste Heftroman einer neuen „Weltraum-Serie“ mit dem Namen Perry Rhodan. Auf dem Titelcover sind drei Astronauten, ein Mondfahrzeug mit allerlei Antennen, eine Rakete und einige Krater und Gebirge zu sehen. Über dem Horizont schwebt die Kugel der Erde im schwarzen All, der indische Ozean ist zu erkennen, Amerika und Europa sind nicht zu sehen. Die mit Pistolen, Gewehren und Instrumenten bewaffneten Astronauten befinden sich in schneller Bewegung, offenbar auf der Mondoberfläche, und laufen auf die schlanke Rakete zu. Der letzte Astronaut in der Reihe blickt sich um, der Blick erweckt den Eindruck, als werde er verfolgt. Unterhalb des Titels des Heftes Nr. 1 Unternehmen „Stardust“ ist zusätzlich in kleiner, serifenloser Schrift zu lesen: „Sie kamen aus den Tiefen der Galaxis – nie hatte man mit ihnen gerechnet …“. Zu sehen sind „sie“ auf dem Cover nicht, aber womöglich fällt auf „sie“ der besorgte, rückwärtsgewandte Blick des Astronauten, der trotz seiner Bewaffnung zu fliehen scheint. Oberhalb des Titelbildes wird die Serie angekündigt: „Perry Rhodan. Der Erbe des Universums. Die grosse WELTRAUM-SERIE von K. H. Scheer und Clark Darlton.“ Karl-Herbert Scheer und Clark Darlton sind bereits als Autoren von Weltraumabenteuern vor allem der Verlage Pabel und Moewig hervorgetreten (Scheer, 1989). Dass Clark Darlton ein Pseudonym ist, dürfte 1961 nur wenigen bekannt sein. 1958 wird der Autor Darlton auf dem Titelblatt des „Terra Sonderband Attentat auf Sol“ als „Träger des amerikanischen Literaturpreises für den besten deutschen ‚Science-Fiction‘-Roman“ gepriesen. In einem verlegerischen Peritext (Genette, 2001: 22ff.) desselben Romans kündigt Walter Ernsting für die „Terra-Redaktion“ den Start einer „neuen deutschen Science-Fiction-Serie“ an (Darlton, 1958: 96). Clark Darlton, der Alias von Walter Ernsting, unterstreicht die angelsächsische Note, die auch vom Titelhelden der „neuen Serie“ ausgeht – Perry Rhodan – sowie von der Rakete auf dem Titelcover, deren Silhouette einem Gefährt des Mercury-Programms recht nahekommt, jedenfalls viel eher an ein US-amerikanisches Produkt erinnert als an eine Sputnik oder R-7 sowjetischer Bauart. Davon, dass die schlanke Rakete allzu sehr wie ein Aggregat 4 aus der Konstruktion Wernher von Brauns (gefertigt im Auftrag des Nazi-Regimes, eingesetzt als „Vergeltungswaffe“, hergestellt unter Einsatz von KZ-Häftlingen) wirken könnte, wird durch die amerikanisch klingenden Namen womöglich abgelenkt – vielleicht ein erwünschter paratextueller Effekt des Pseudonyms „Clark Darlton“ (Genette, 2001: 50–57). Anderseits geht das amerikanische Raketenprogramm unmittelbar aus der V2-Technologie hervor. Schließlich hatte von Braun im Juli 1960 das Amt des Direktors des NASA Marshall Space Flight Center und die Leitung der spektakulär annoncierten Mondmission übernommen. Als „wissenschaftlicher Leiter“ des Unternehmens Stardust und „geistiger Vater“ des Projekts, das Perry Rhodan und seine Crew im Jahre 1971 (Startpunkt der erzählten Handlung) auf den Mond bringt, firmiert dann auch ein „Professor Dr. F. Lehmann“, ebenfalls im Amt eines „Direktors“ und als Doppelgänger von Brauns.

Der Band „Nr. 1“, mit dem diese Serie beginnt, kostet „70 Pfg.“, ist auf dem Cover weiter zu erfahren. Der günstige Preis – Taschenbücher der vergleichsweise günstigen Reihe Rowohlts Deutsche Enzyklopädie kosten im Jahr 1961 immerhin 2,20 DM – und das Format (DIN C5) indizieren die Zugehörigkeit zum Genre der Heftromane. Entsprechend gibt es keine ISBN-Nummer, das Romanheft gilt mithin nicht als Buch. Auch die werbende Anzeige, also der verlegerische Peritext, ordnet den ersten Roman der „grossen Weltraum-Serie“ den flüchtigeren Zeitschriftenerzeugnissen zu. Im Zeitschriftenhandel, nicht im Buchhandel, werden die Hefte erworben. Die Verlagswerbung verspricht den Lesern der Serie, gemeinsam mit dem „stahlharten Raumschiffkapitän Perry Rhodan“ die „Verwirklichung einer Zukunftsvision“ erleben zu können, die „vom Jahr 1971 bis in unvorstellbare ferne Zeiten“ führen werde. Eine longue durée wird hier angekündigt, die mit dem Epochenumbruch im ersten Heft beginne, das man sich daher „heute noch“ besorgen solle.

„Die grosse WELTRAUM-SERIE“, diesen Titel wird diese Pulp-Fiction-Reihe aller Vergänglichkeit zum Trotz bis zum 14.10.1980 tragen, dem Tag, an dem das Heft 999 erscheint. Eine Woche später, am 21.10.1980, erscheint die tausendste Nummer unter dem Titel Der Terraner. Und der Serientitel heißt nun: „Perry Rhodan. Der Erbe des Universums. Die größte Weltraumserie.“ Selbstredend ist Perry Rhodan der Terraner, Vorbild, Führer, Verkörperung und Repräsentant einer Spezies, die den Weltraum erobert. Auf einer dem Heft 1000 aufgedruckten Banderole wird präzisiert: „Die größte Weltraumserie der Welt“. Die Heftromanserie wird nach weiteren knapp zweitausend Heftnummern noch einmal umbenannt und trägt dann den auch heute noch immer aktuellen Untertitel: „Die größte Science-Fiction-Serie“. Aus der Weltraumserie ist, was den Paratext angeht, eine Science-Fiction-Serie geworden. Im Februar 2019 wird der Band 3000 erscheinen und in einer Feier im Literaturhaus München präsentiert werden. Damit wäre sie nach knapp 58 Jahren an einem Ort der Hochkultur angekommen.

Perry Rhodan ist tatsächlich die „größte Science-Fiction-Serie“ der Welt. Jede Woche erscheint eine Fortsetzung (im Umfang von 64 Seiten) und führt eine Geschichte fort, die einerseits eine nahezu unüberschaubare Komplexität aufgebaut hat, anderseits aber über rund 192.000 Seiten hinweg an ihrem wichtigsten Protagonisten, Perry Rhodan, festhält. Um die Ankündigung der Verlagswerbung für das Unternehmen Stardust, man werde die „unvorstellbar ferne“ Zukunft mit Perry Rhodan „erleben“, einzulösen, wird die Diegese eine schlagende Lösung für das Problem finden, die anvisierte erzählte Zeit an die Lebenserwartung des Raumschiffkapitäns anzupassen: Im Heft Nr. 19 vom 12.01.1962 mit dem Titel Der Unsterbliche erhält Rhodan eine „Zelldusche“, die das Altern seines Körpers stoppt. Die Kontinuität der Serie ist einzigartig. Die Auflagenhöhe der gedruckten Exemplare, nach Spitzen im Bereich von 250.000, beträgt zurzeit ca. 80.000, verkauft werden seit Jahren über 60.000 Exemplare pro Woche. Das entspricht drei Millionen Exemplaren im Jahr; hinzu kommen Neuauflagen, Sondereditionen, Übersetzungen und zahlreiche Spin-offs. Überdies ist jedes Perry-Rhodan-Heft als E-Book lieferbar, und gerade ältere Hefte finden immer wieder neue Leser. Dem Verlag Pabel-Moewig zufolge ist Perry Rhodan das „größte eBook-Projekt der Welt“. Dies lässt die im deutschsprachigen Raum äußerst populäre Zeitschrift Gartenlaube, das prototypische Serienorgan des 19. Jahrhunderts, mit ihren 382.000 Exemplaren im Erfolgsjahr 1875, weit hinter sich zurück (Stockinger, 2018: 11). Steht die Gartenlaube am „Ursprung populärer Serialität“, so der Untertitel von Stockingers Studie, dann hat sie mit Perry Rhodan vorläufig ihren schwer zu überbietenden Höhepunkt erreicht. Die Serie ist äußerst populär im Sinne nachweisbarer, messbarer Beachtung, auch wenn sie nicht so bekannt ist, wie es die Auflagenhöhe vermuten ließe. Perry Rhodan ist ein hidden champion; auf die Hefte stößt man nur, wenn man in der Zeitschriftenabteilung des Bahnhofsbuchhandels danach sucht oder am Kiosk danach fragt (Nast, 2017: 95f.). Die Online-Ausgabe des Börsenblatts – Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel wies allerdings am 9.05.2018 eigens darauf hin, dass ein Perry-Rhodan-„Silberband“ in Buchform „auf Anhieb Rang 16 der Belletristikcharts“ (TOP 25, deutschsprachiges Hardcover) erreicht habe:

Neu auf Platz 16: Der Psi-Schlag: Was 1961 mit ‚Unternehmen Stardust‘ begann und als kurze Romanserie geplant war, ist heute Kult: die Science-Fiction-Serie ‚Perry Rhodan‘. In der 142. Ausgabe der sogenannten Silberbände (Hardcover-Sammelausgaben) sind acht der ursprünglich als Heftroman erschienen Geschichten zusammengefasst. Geschrieben werden sie von einem deutschen Autorenteam.1

Das titelgebende Romanheft Der Psi-Schlag ist als Band 1197 der Erstauflage der Heftromanserie bereits am 30. Juli 1984 erschienen. Der Publikumserfolg der Hardcover-Sammelausgaben, die den Inhalt alter Hefte in leicht gestraffter und redigierter Form wieder zugänglich machen, belegt, dass nicht nur der aktuelle Verlauf der Handlung verfolgt wird, sondern die gesamte Geschichte, die in der Serie erzählt wird, immer wieder rezipiert wird. Für eine Untersuchung der Serie ist dies deshalb von Belang, da hier deutlich wird, dass es nicht nur Leser gibt, die die Erstauflage verfolgen, sondern jedes neue Heft in das Kontinuum des Serienuniversums eingeordnet wird. Die hohen Absatzzahlen der „Silberbände“, in denen die Hefte der Erstauflage in Buchform zusammengefasst werden, und der E-Book– Pakete, die nach Großepochen der Diegese geordnete Heft-Zyklen (je 50–100 Heftromane) preiswert anbieten, belegen, dass die gegenwärtige Handlung von den Lesern immer wieder mit Episoden oder Handlungssträngen aus der Vergangenheit konfrontiert wird. Zu den Lektürepraktiken der Serie, das wird ein Blick in die Foren zeigen, zählt gerade der kritische Vergleich der Serie mit ihrer eigenen Vergangenheit.

Hinzu kommt mit dem 50. Jubiläum die Möglichkeit, die Serie ein zweites Mal zu verfolgen, und zwar in einer Variante, in der die „Zukunft von vorn beginnt“. Klaus N. Frick, der Redakteur von Perry Rhodan, leitet in einem Vorwort den Heftroman Perry Rhodan Neo: Sternenstaub (erschienen am 30.09.2011) mit den Worten ein, mit dieser Publikation starte

die erfolgreichste Science-Fiction-Serie der Welt zum zweiten Mal in die Zukunft. Stellen wir uns vor, wie es im Jahre 2036 aussehen könnte, wenn die bisherige Entwicklung unserer Welt so weitergeht: Nehmen Konflikte und Naturkatastrophen zu, wird die Welt weiterhin von Finanzkrisen und Terrorismus erschüttert?
(Neo Bd. 1: 3f.)

Die Neo-Variante reagiert auf die Subprime-Krise, auf 9/11, auf asymmetrische Kriege, die Erderwärmung, die Allgegenwart sozialer Netze und digitaler Medien, in späteren Heften auf die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA, die globalen Migrationsströme, die neue Armut und den Zerfall der internationalen Weltordnung. Die Frage, der die Neo-Serie erklärtermaßen nachgeht, ist die alte Frage der Erstausgabe: „Und was wäre, wenn in einer Zeit der Krise und des drohenden Krieges ein Mann auf Außerirdische treffen würde? Wenn er es schaffen würde, mit diesen fremden Wesen von einem weit entfernten Planeten eine Kooperation einzugehen – und wenn aus dieser Kooperation langfristig eine geeinte Menschheit und ein gemeinsamer Vorstoß ins All werden könnte?“ Schon der Paratext von Perry Rhodan Neo: Sternenstaub macht klar, dass dieser Neustart Perry Rhodans in „einer Zukunft, die auch die unsere ist“ (Neo Bd. 1: 4), die Geschichte anders erzählen wird als die Erstausgabe ein halbes Jahrhundert zuvor. Perry Rhodan kommt nicht mehr als Erbe des Universums und stahlharter Willensmensch daher, sondern als Meister der Kooperation. Sein Ziel ist nicht die Eroberung der Galaxis, sondern der „Frieden für die Menschheit“ (Cover/Rückseite), er schlägt vor statt zu.

3 (Geo-)Politik 1961 / 2011

Perry Rhodan ist in der jüngeren Forschung zur populären Serialität zurecht als „singuläres Phänomen“ (Nast, 2017: 14) bezeichnet worden. Die Serie ist außerordentlich populär. Warum Perry Rhodan so große und so anhaltende Beachtung finden konnte, ist überaus umstritten. Ich möchte mich an der Spekulation über die Gründe dieser Popularität hier nicht beteiligen, sondern ihre Tatsache als Voraussetzung für meine Thesen nutzen. Dank der Popularität und Kontinuität kann die Heftromanserie erstens als kulturelles Archiv der Bundesrepublik Deutschland gelesen werden, das nunmehr über 57 Jahre hinweg ununterbrochen kurrente Selbstbeschreibungen der Gesellschaft in ihren Heften festhält. Zweitens steht aufgrund ihrer Popularität und Kontinuität auch der Resonanzraum der Serie von den ersten Heften bis zu den aktuellen Publikationen der empirischen Forschung offen, da die Rezeption der Serie in Form von Leserbriefen, Fanzines und Foren gut dokumentiert ist.

1961, in ihrem ersten Heft wenden sich die Autoren und Herausgeber K. H. Scheer und Clark Darlton an den „lieben Leser!“ mit dem Versprechen, dass mit dem „Unternehmen Stardust“ ein „Roman-Zyklus“ von „jeweils in sich abgeschlossenen Abenteuern“ beginne, der über all diese Episoden der Einzelhefte hinweg vom „Aufstieg der Menschheit zum galaktischen Machtfaktor Nr. 1 berichtet“ (EA, Bd. 1: U2). Die Serie Perry Rhodan erzählt von der „unter großen Schwierigkeiten erfolgende[n] Ausdehnung der Menschheit in die unfasslichen Weiten der Galaxis.“ (Ebd.) Ihr Held, der „Forscher, Raumpilot und fanatische Verfechter des Gedankens an eine vereinte und starke Erde“, wird als Erbe einer galaktischen Großmacht angekündigt, der die Menschheit auf diesen Weg „führen“ werde. „Er führt… Er führt“ beginnen die Sätze, die den Handlungsstrang der konzipierten Serie skizzieren. Wer wissen will, wie und wohin Perry Rhodan „uns Menschen“ führen wird, der muss weiterlesen, und bereits nach einigen Heftromanen zeichnet sich klarer ab, was im Heft 1 bereits angedeutet wird: Rhodan führt die Menschheit an, eine vereinte Menschheit, die sich „über die Milchstraße ausbreitet“. Rhodan „gründet das Solare Imperium“ (ebd.), zu dem bald Tausende von Planeten zählen, und regiert als „Großadministrator“ das „Imperium über Jahrhunderte und verteidigt es gegen eine Vielzahl von Bedrohungen.“ (Ebd.) Dass dies Perry Rhodan durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder gelingen kann, ist seiner ‚relativen‘ Unsterblichkeit zu verdanken; ein „Zellaktivator“, der ihm von einer sogenannten Superintelligenz verliehen worden ist, verleiht ihm ewige Jugend und konserviert jene herausragenden physischen und psychischen Eigenschaften, die ihn schon als Kommandant der Mondmission „Stardust“ auszeichnen, einer Mission, die ihn und seine Mannschaft in Kontakt mit der Besatzung einer arkonidischen Forschungsmission bringt, die mit ihrem überlichtschnellen Raumschiff auf dem Mond gestrandet ist. Um es kurz zu machen: Unter Rhodans Führung gelingt es, die ungeheure raumfahrt- und waffentechnische Überlegenheit der Arkoniden zu nutzen, um auf der von politischen Krisen, der Machtkonfrontation der Blöcke und der Drohung eines Atomkriegs gezeichneten Erde des Jahres 1971 ein überlegenes Machtzentrum zu etablieren, das die Menschheit politisch zur Einheit zwingt, mit arkonidischer Technik hochrüstet und so in die Lage versetzt, letztlich allen „Bedrohungen“ aus der Tiefe des Alls standzuhalten. Es stimmt: „Vom deutsch-nationalen Hans Dominik zu den Autoren der Perry Rhodan-Reihe führen nur allzu gerade Wege.“ (Pehlke, 1970: 31). Die „Rasse“ der Terraner tritt unter Rhodans Führung genau den Siegeszug an, den das Vorwort im Heft 1 seinen Lesern verspricht. Und schon im Heft Nr. 2, sechzehn Jahre nach dem Untergang des ‚Dritten Reiches‘, lassen Darlton und Scheer ihren mit einem unbeugsamen Willen begabten und mit unschlagbaren Wunderwaffen ausgestatteten Protagonisten die „Dritte Macht“ gründen, die Keimzelle des Solaren Imperiums samt Solarer Abwehr, Mutantenkorps und Solarer Flotte. Dass Rhodan deutscher Abstammung ist und er als Schüler an seiner High School als „Nazi“ und „Kraut“ beschimpft worden sei, schreiben die Autoren in die inzwischen äußerst erfolgreiche Serie tatsächlich hinein (in der Nr. 140 der Serie aus dem Jahr 1964). Es ist also ein deutschstämmiger Offizier, der nach allen Regeln der klassischen Geopolitik Friedrich Ratzels und Karl Haushofers (Werber, 2014) erst die Erde und dann die Galaxis erobert. Vor diesem Hintergrund kann die alte Kritik, die Serie sei faschistoid, nicht überraschen.

Der implizite Leser dieser ersten Heftromane, die den Untergang der von Russland, China und den USA dominierten westlichen und östlichen Blöcke und den Aufstieg der „Dritten Macht“ zur ersten Macht auf Erden erzählen, wäre nach Auskunft Wolfgang Isers (Iser, 1990) ein Leser, der sich für diesen Siegeszug und seine Mittel begeistert, der also am Kampf der Menschheit um die Beherrschung der Galaxis keinen Anstoß nehmen, sondern sich mutmaßlich mit jedem Sieg über Verräter im Inneren der Dritten Macht und ihres Imperiums und jedem Triumph über feindliche, außerirdische Mächte einverstanden zeigen würde. Auch dies würde die bekannte Annahme stützen, die Leserinnen und Leser (der Frauenanteil beträgt ca. 25 %. Vgl. Nast 2017: 75) seien reaktionäre Revanchisten. Der schnell aus ein paar Heftromanen deduzierte implizite Leser müsste dann allerdings im Falle der Perry-Rhodan-Reihe Neo, die seit 2011 erscheint, ein vollkommen anderer sein, denn in dieser Serie, die alles von der Mondmission der Stardust an neu erzählt (und die Ereignisse der Stardust-Mission aus dem Jahr 1971 ins Jahr 2036 verlegt), ist der junge Rhodan ein Obama-Wähler. Der Plot dieser Reihe führt zwar ebenfalls erst auf den Mond und zu den gestrandeten Arkoniden, danach zurück auf die krisengeschüttelte Erde und später mit außerirdischen Mitteln in die Galaxis – aber das ganze Setting der Serie, die Motivation Rhodans, die Charakterisierung der Protagonisten, all dies hat sich geändert. Ein paar Unterschiede seien kurz genannt: Rhodan verzichtet auf die Machtfülle eines Großadministrators. Seine Missionen scheitern, jedenfalls was die Ausdehnung des Machtbereichs der Erde angeht. Rhodan und seine engsten Gefährten sind komplexe, auch von Konflikten und Zweifeln getriebene Charaktere. Frauen bekleiden, vorher undenkbar, zentrale Positionen und handeln, gerade auch Perry Rhodan gegenüber, eigenständig. Anders als in den ersten sozusagen ‚verklemmt heteronormativen‘ Zyklen der Erstausgabe (= EA) gibt es explizite Schilderungen von Sexualität aller Art, aber auch von individuell ausgeübter und erlittener Gewalt. Die Krisen, die in der EA die gewaltsame Etablierung der Dritten Macht legitimieren sollen, sind in der Neo-Serie vollkommen andere, überdies wird jeder Schritt Rhodans ins All auf Erden kritisch verfolgt und von seinen Anhängern und ihm selbst skeptisch reflektiert. Entscheidungen von großer Reichweite werden in der EA fast immer von Rhodan allein gefällt, in der Neo-Version dagegen scheint das Politische demokratischer und die Macht verteilter zu sein. Die Serie hat, anders als die ältere Forschung unterstellt, mit der „bekannten Alltagswelt“ (Stache, 1986: 53) durchaus zu tun: Die politische Gegenwart spielt in die Serie überall hinein – wie groß die Rolle der Gegenwartsbeschreibung und -reflexion für beide Varianten der Serie (EA, Neo) ist, kann man daran sehen, dass in der Neo-Variante nahezu alles an der erzählten Welt ausgetauscht werden musste, als die Handlung aus dem Jahr 1971 (fiktiver Start der Stardust zum Mond) für das Heft Perry Rhodan Neo 1: Sternenstaub ins Jahr 2036 verlegt wurde.

Perry Rhodan eignet sich für eine Studie zum Politischen von Heftromanserien also deshalb so gut, weil die ununterbrochen laufende, inzwischen 2977 Heftromane umfassende Originalserie seit 2011, parallel zur EA, als Perry Rhodan Neo in überarbeiteter Form neu erscheint. NeoBand 180 ist kürzlich, am 10.08.2018, erschienen: Fünfzig Jahre nach der Erstauflage ist für Perry Rhodan: Neo nicht nur das technische Setting aktualisiert worden, auch die geostrategische und weltpolitische Lage, die in der erzählten Welt zunächst der Gründung und Expansion der „Dritten Macht“ zugrunde gelegt wird, ist 2011 (bzw. 2036) nicht mehr dieselbe wie 1961 (bzw. 1971). Nicht der Kalte Krieg, Dekolonisation und das atomare Wettrüsten, sondern Klimawandel, Terrorismus, Zukunftsangst, Gentrifizierung, Digitalisierung, Überwachung und Gamification bedrohen die Erde des Jahres 2036. Perry Rhodan gründet nicht, gestützt auf die überlegenen Mittel der Außerirdischen, die „Dritte Macht“, sondern lanciert, gestützt auf die Erfahrungen seiner Aushandlungen mit außerirdischen Wesen, eine Vision (vgl. Perry Rhodan Neo: Vision Terrania; Rastatt, 2014), die – übrigens aus allen Regionen, Nationen, Ethnien, Kulturen der Welt – Anhänger anzieht, aber auch auf erheblichen Widerstand trifft. Die Entscheidungsgrundlagen seines Handelns werden hier explizit und kontrovers zum Thema gemacht, in der EA wird dagegen nur das Tempo („Sofortumschalter“) bewundert. Bei zunächst sehr ähnlichem plot und, was Namen, Ausbildung und Fähigkeiten angeht, nahezu identischem Personal wird das politische Setting der Erstauflage radikal umgeschrieben, sodass ihre Evidenzen und Topoi zur aktuellen Lage passen, was erkennen lässt, wie engmaschig das Politische der Gesellschaft und der Populärliteratur verstrickt sind. Handelte es sich bei der erzählten Welt tatsächlich um eine „Attrappenwelt, die jede Spekulation über gesellschaftliche Hintergründe verbietet“ (Stache, 1986: 47), dann wäre dieser Aufwand, ein neues Setting zu schaffen, vollkommen überflüssig.

Der Rückblick der Leser und Leserinnen, die die aktuelle Erstauflage verfolgen, in die (teils entfernte) Vergangenheit der Serie, und der Seitenblick von der Erstauflage auf das „revisionistische Palimpsest“, wie Dietmar Dath in einer Würdigung der Serie in der FAZ vom 2.03.2018 die Neo-Reihe treffend genannt hat, generieren unvermeidlich Vergleichsmöglichkeiten, die Form und Inhalt der Serie gleichermaßen betreffen. Darüber, wie diese Vergleichsmöglichkeiten genutzt werden, geben die Diskussionen und Debatten, Kommentare und Beiträge der Leser in Foren und Wikis Aufschluss. Man muss also nicht über „implizite“ Leser spekulieren und sie, ohne auch nur ein Rezeptionszeugnis zu beachten, als „hörig“ (Pehlke, 1970: 21) disqualifizieren. Denn hier lässt sich beobachten, was tatsächlich Resonanz und Beachtung findet, was umstritten oder beliebt ist, was goutiert und was ignoriert wird. Die noch genauer zu untersuchende Kontroverse im Wiki Perrypedia um die Regierungsstruktur des von Perry Rhodan gegründeten und vom ihm über Jahrhunderte hinweg als Großadministrator geführten Solaren Imperiums mit Blick auf die Frage, ob Rhodan in seinem mit großen Vollmachten versehenen Amt durch Wahlen demokratisch legitimiert sei oder nicht,2 gibt einen guten Hinweis auf die Relevanz der politischen Dimension der Serie und ihrer selbsterzeugten Vergleichsmöglichkeiten. Denn Rhodan lehnt in der Neo– Serie die Führungsposition des Großadministrators genauso ab wie das Angebot der Unsterblichkeit durch die Superintelligenz ES. Wenn der Neo-Rhodan in äußerst ähnlichen Situationen anders entscheidet und agiert als der EA-Rhodan, dann setzt die Serie selbst ihre treuesten Fans einer Kontingenz aus, die in eine teils fruchtbare, teils polemische Heftkritik und intensive Reflexion der Serie und ihrer gesellschaftlichen Umgebung mündet.

4 Heftkritik und politische Reflexion

Am 14.09.2012 teilt das Moderatoren-Team des „Perry-Rhodan“-Forums3 mit, dass die Diskussion über die „Gegebenheiten […] des Unterforums ‚Politik‘“ beendet sei und der „Thread“ geschlossen werde, weil das Forum trotz Ermahnungen noch immer „zweckentfremdet für ein politisches Thema“ worden sei. „Wie unlustig“, kommentiert Cybermancer, ein Mitglied, das Tausende von Beiträgen in einem Online-Forum verfasst hat, das Perry Rhodan gewidmet ist, der „größten Science Fiction Serie der Welt“, wie es auch auf jeder Seite des Forums in einem Banner heißt. Aber was haben auch „politische Themen“ in einem Forum zu suchen, das allein der Heftromanserie Perry Rhodan gewidmet ist und dem Nutzer „galaktische Diskussionen“ über genau dieses Thema verspricht? Die Plattform selbst wird laut Impressum vom Verlag der Serie unterhalten: „PERRY-RHODAN.net ist ein Online-Angebot der Pabel-Moewig Verlag KG“.4 Das Forum mit 1275 Mitgliedern5 ist nur eines von vielen Online-Plattformen6, die von Lesern der Science-Fiction-Serie Perry Rhodan ganz aus eigenem Antrieb heraus zum Austausch über einen gemeinsam geschätzten Gegenstand genutzt werden, der von den Institutionen der Hochkultur nicht empfohlen, sondern herabgesetzt worden ist. Hunderttausende von Beiträge verfolgen Tausende von Themen rund um die Heftserie7: über Plot und Story, Erstauflage, die Neo-Variante und Spin-offs, Protagonisten und Technologien, Mode und Waffen, Superintelligenzen und kosmische Gesetze, gelungene und misslungene, langweilige und spannende Hefte, Handlungsstränge, Charaktere, über spannende Unterhaltung und Langeweile8, Fanfiction und Conventions („Cons“), über Moral und Ästhetik, aber auch über Politik und das Politische. Politik und das Politische – und das macht die Heftromanserie und ihre Rezeption zu einem interessanten kulturwissenschaftlichen Gegenstand – kommen in den Foren zweimal vor: erstens in Form der Beobachtung, Beschreibung und Kritik des politischen Handelns der Akteure der Serie (Protagonisten, aber auch Organisationen, Entitäten, Reiche etc.) bzw. des Politischen der erzählten Welt und zweitens in Form des Politischen unserer Gesellschaft bzw. des Handels politischer Akteure in ihr (Bundespolitiker, aber auch internationale Politiker, Parteien, Organisationen etc.). Die Serie wird also nicht nur politisch gelesen, sondern die gesellschaftliche Umwelt wird von Perry-Rhodan-Lesern mit der Serien-Politik verglichen und auf Parallelen oder Unterschiede hin untersucht. Perry Rhodan, dies ist die These meines Beitrags, ist Anlass und Vehikel für die Auseinandersetzung um politische Grundsatzfragen unserer Gesellschaft.

Das Politische der Serie – etwa: „Im Kaiserpalast von Olymp ist die Laune des Argyris auf einem Tiefpunkt. Der Handel auf der Freihandelswelt ist durch die Blockade der Tefroder zum Erliegen gekommen. Der Niedergang der Wirtschaft nimmt bedrohliche Ausmaße an.“ – gibt den Anlass für eine Reflexion des politischen Alltags: „Aber mich erinnert halt der Kaiser von Olymp an einen überzeichneten bestimmten Politiker der Gegenwart“, so GruftiHH am 11.04.2018 im forum.perry-rhodan.net. Dieser Kaiser mag es offenbar prachtvoll, doch fehlt es ihm an Geschmack, er agiert immer zuerst als Geschäftsmann, im eigenen Interesse, nicht als Diplomat, sein Wahlspruch lautet „Olymp zuerst“ etc. Es gelingt nicht, ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn zu betreiben, zahlreiche Lobbygruppen stützen ihn etc. Susan Schwartz, Autorin und Erfinderin der Figur des Kaisers, bestätigt die Einschätzungen der Foristen in einem eigenen Beitrag zum Thread: „Ja. Mea culpa. Es war mir ein Bedürfnis, ich musste den Charakter nicht erfinden, um ihn so zu bekommen, wie ich ihn wollte.“ (11.04.2018) Die kritische Reflexion des Kaisers gerät so immer wieder zu einer meist impliziten, gelegentlich expliziten Kritik an Donald J. Trump. Populismus, alt right und fake news sind Themen der Serie und im Forum.9 Ich komme darauf zurück, gebe aber noch ein weiteres Beispiel:

Im SF-Forum trägt Ming der Grausame am 14.05.2013 zu einer Diskussion des neuen Perry Rhodan-Zyklus folgende Bemerkung bei:

Nun, wenn man den Perry Rhodan der letzten 2 Zyklen als Maßstab nimmt, dann hat zumindest die Rhodanisierung der deutschen Politik recht große Fortschritte gemacht. So groß ist der Unterschied zwischen Mutti und Rhodan wirklich nicht – und gerade das könnte etwas sein, was beim Publikum so nicht ankommt.10

Angela Merkel und Perry Rhodan werden verglichen, das tertium comparationis ist die Politik (und ihr Populäres, also Zustimmungs- und Ablehnungsrankings, Umfragen, Quoten etc.). Hat es Rhodan im Neuroversum-Zyklus so gehalten wie die überaus populäre Kanzlerin im Jahre 2013?11 Und bedeutet dies für die Politik des Erben des Universums, dass sie so konsensorientiert, pragmatisch, überraschungsarm, mehrheitsfähig und alternativlos ist und derart „asymmetrisch demobilisiert“, dass sie das Lesepublikum langweilt? Am 6.9.2013 postet Raktajino einen Beitrag zur geopolitischen Lage des neuen Zyklus: „Die Terraner haben die Schiffe und die Nachschubwege. Mit dem Kristallschirm wird verhindert, dass Nachschub für den Gegner ins Solsystem gelangt. Der Gegner sitzt fest und kann ‚ausgetrocknet‘ werden. Militärtechnisch ist das eine nachvollziehbare Variante.“ Die Heftkritik endet im politischen Vergleich: „Auch im 56. Jahrhundert ist die legendäre Merkel-Politik immer noch das state-of-the-art. Aussitzen, aussitzen und im Nebel hie und da stochernd auf Sicht fahren – fehlen nur noch die beratenden Bänker! Geil!“ User Kardec antwortet auf den Post, entwirft ein anderes Bild einer für die Terraner unübersichtlichen, riskanten Lage und schließt: „Aussitzpolitik ist oft gar nicht so schlecht.“ Dies sieht Taufik Shahab (19.12.2014) wiederum anders, wenn er seine Sorge bekundet, die Autoren der Serie wollten an der monierten Handlungsführung festhalten und alle Kritik „aussitzen, bis die letzten Altleser ausgestorben sind! Dann ca. ab Band 3300 kommt dann NEO ins Hauptprogramm, und man macht es wie die Privaten Sender!“

Das Ressentiment vieler Leser der EA („Altleser“) gegen die Fans der Neo-Staffel, deren Schwerpunktbildung (psychosozial, multikulturell, polyperspektivisch, postkolonial) als langweilig und politisch korrekt kritisiert wird („Mensch/ Mensch-Blabla“. Tanuki am 17.02.2013), wird hier deutlich. Die Möglichkeit, dass EA und Neo künftig zusammengeführt werden könnten, wird von vielen „Altlesern“ als Bedrohung thematisiert, weil sie sich mit einem Perry Rhodan, der vom „Sofortumschalter“ und „aktiv Handelnden“ zum „passiv Abwartenden“, zur „Mutti“ depotenziert wird, nicht anfreunden können; wenn die EA auf die NEO-Charaktere und Handlungsführung zugeschrieben würde, drohe „Langeweile“ (Ce Rhioton am 5.09.2018). Umgekehrt schärft die Neo-Lektüre den kritischen Blick auf die ersten Zyklen der EA: Perry Rhodans Solares Imperium erinnere an das „Tausendjährige Reich“ (Loborien am 18.02.2013). Die ersten hundert Heftromane hinterlassen das „Gefühl einer vollkommen durchmilitarisierten Gesellschaft, in der die Gewaltteilung nur auf dem Papier existiert“. (Cybermancer am 18.02.2013) Zwischen den Anhängern der EA, die Perry Rhodans Vorgehen rechtfertigen, und den Kritikern der EA, die zufrieden damit sind, dass es „bei NEO wohl definitiv anders laufen wird“ (Loborien am 18.02.2013), etabliert sich auf dem Forum eine auch polemisch geführte Debatte. Versuche, den EA-Großadministrator und seine Politik zu rechtfertigen, greifen immer wieder auf Vergleiche mit der aktuellen Außenpolitik zurück. Die von der terranischen Flotte ausradierten Aliens stellten schließlich eine Bedrohung dar, gegen die sich das Solare Imperium nur verteidige. „Das Ganze läuft daher unter kriegerische bzw. kriegsähnliche Auseinandersetzung. Gehörst du zu denen, die fordern, dass sich die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ohne Gegenwehr erschießen lassen müssen?“ (Kapaun am 18.02.2013)

Für die aktuellen Heftromane, und genau dies wird ja von vielen „Altlesern“ kritisiert, fallen die politischen, völkerrechtlichen und moralischen Unterschiede „von PREA und NEO“ allerdings kaum noch ins Gewicht (Honor_Harrington am 18.02.2013). „Perry Rhodan, die Angela Merkel des Universums!“, spottet Taufik Shahab am 28.11.2015 mit Blick auf die jüngsten Romane der EA, die auf ihn den Eindruck machen, als orientiere sich ein um Beliebtheit heischender Rhodan nur noch an „Umfragewerten“. Die „Merkelisierung“ der Serie – in Analogie zur „Rhodanisierung“ der Politik – führe zu überaus korrekten, aber ästhetisch unbefriedigenden Texten: „Hochethisch, hochlogisch, hoch philosophisch und natürlich höchst langweilig“ (Taufik Shahab am 19.12.2014). Die Diagnose ist umstritten, denn vielen Foristen gilt „politische Korrektheit“ gerade als Indiz oder Grund für Langeweile, andere fühlen sich dagegen gerade von Überschreitungen eines moralisch-politischen Common Grounds in der erzählten Welt (zumal der älteren Jahrgänge der EA) abgestoßen und stellen die Lektüre entsprechender Hefte ein.12 Die an der EA geschulten „Altleser“ sind da anscheinend anderes gewohnt als die durch Neo initiierten Novizen. Jedenfalls werden im Forum Ansprüche an die erzählte Welt gestellt (Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Gewaltenteilung, Folterverbot, Mitbestimmung, Gleichberechtigung, Diskriminierungsverbot etc.), die nur schwer einzulösen sind. Moralisch zu handeln und nicht zu langweilen, überfordere selbst Perry Rhodan, diagnostiziert Elena am Vorabend der Bundestagswahl (21.09.2013).

Im Fan-Forum ist es unstrittig, dass bereits in der 1960ern „die Hefte seitenweise gespickt waren mit Anleihen an der Realpolitik“, so Klaus N. Frick mit der Autorität des Redakteurs der Serie am 11.04.2018. „Die Serie war schon immer (auch) ein Spiegel der jeweiligen Zeit(en)“, bestätigt Ce Rhioton. Anlass dieser Hinweise ist die bereits erwähnte Diskussion einer Spin-off-Miniserie des Perry-Rhodan-Franchise, Olymp. Es geht erneut darum, ob man unter den Protagonisten der Story einen „überzeichneten bestimmten Politiker der Gegenwart“ wiederzuerkennen habe und ob dies etwa „Trump, Merkel, Macaron (sic!)“ sei. Die möglichen „unterschwelligen Andeutungen auf die reale Politik von heute“ werden von den Leserinnen einerseits als Störungen der Unterhaltung abgelehnt, anderseits werden aber interessante Analogien aufgegriffen und als Ausgangspunkt für politisierte Kommentare genutzt: „Erinnert mich enorm an UNSERE aktuelle Regierung…“ Dies lädt zum Widerspruch ein, doch die Nutzer versuchen in der Regel, derartige tagespolitische Deutungen des Heftromans nicht zu einer ideologischen Auseinandersetzung eskalieren zu lassen: „Und wenn ich nerve, dann überlest bitte einfach mein Kommentar.“ Und: „So. genug Politik gemacht.“13 Das Politische der Serie wird also einerseits allgemein und auch von den Moderatoren und Redakteuren konzediert, anderseits soll vom Politischen keine Rede sein und entsprechende Kommentare und Diskussionen, wie gleich zu sehen sein wird, führen zu Anfeindungen im Forum und zu Repressalien durch die Moderatoren.

Die Unterstellung der Trivialliteraturforschung, Science-Fiction-Serien vermieden ganz bewusst, „ihren diversen Gesellschaften konkrete Namen zu verleihen“, um dann auf der Handlungsebene, „wo es niemand merkt“, ganz „handfeste Propaganda“ zu treiben (Pehlke, 1970: 59), wird im Forum der ‚hörigen Leser‘ ebenfalls diskutiert. Das implizierte Politische der Serie wird genauso zum Thema wie die mangelnde Konkretion der politischen Verfasstheit der erzählten Welt. Cybermancers an das (im Forum ebenfalls als Nutzer präsente) Perry Rhodan-Autorenteam gerichtete Kritik vom 11.08.2015, dass „die fiktiven politischen Systeme und Konflikte nicht klar herausgearbeitet werden“, zielt auf die ungenügende Konstruktion der erzählten Welt, deren politische Grundbedingungen schärfer konturiert werden sollten. Seine Forderung impliziert, das Politische der Serie deutlicher und wahrnehmbarer zu profilieren, was zugleich aber auch die möglichen politischen Auseinandersetzungen zuspitzen würde. Denn je unbestimmter die „fiktiven politischen Systeme“ der Serie bleiben, desto einfacher ist es für viele Nutzer des Forums, auf politische Analogiebildungen und Auseinandersetzungen zu verzichten. Diese politischen Kont roversen sind offiziell unerwünscht, und um „politische Diskussionen und Statements“ der Nutzer zu unterbinden, wurde das Unterforum „Politik und Gesellschaft“ vom Mod-Team der Plattform ja gerade geschlossen. Die Moderatoren veröffentlichten dazu am 10.08.2015 den Hinweis:

Die Perry Rhodan-Serie steht für Humanismus und Gleichberechtigung, nicht für Streit und Hass. Nach den Beobachtungen in der Vergangenheit und im speziellen der letzten Monate wird der Bereich „Politik und Gesellschaft“ nicht mehr Bestandteil des Perry Rhodan-Forums sein. Diese Entscheidung hat die Redaktion und Verlagsleitung getroffen und uns Moderatoren beauftragt, entsprechend zu agieren. Wir weisen eindringlich darauf hin, dass Versuche politischer Diskussionen und Statements, in welcher Art auch immer, in anderen Bereichen nicht geduldet werden. Einen Ausschluss der betroffenen Foristen aus dem Forum müssen wir uns in solchen Fällen leider vorbehalten. Der bisherige Bereich für Politik und Gesellschaft wurde aus dem Forum entfernt.

Der Nutzer 2008 kommentiert am Tag danach:

„Ernsthaft? Ich will jetzt nicht nach einer verbindlichen definition von politik fragen, aber es reizt mich jetzt fast, genau das sehr wohl zu tun, aus prinzip. Und neugier. Als forschender terraner. Und was ist dann mit der serie selber, imperium, LFT [Liga Freier Terraner], dauernd krieg und völkermord?“ Sechs Tage später, am 16.08.2015, gründet Laurin für „alle Foristen, die weiterhin über Politik diskutieren wollen“, das „Diskussionsforum der Perry Rhodan-Freunde“ https:// www.politik-im-exil.de/.14

Und die „serie selber“? Der Weg Perry Rhodans vom Major der US Space Force zum Chef eines Imperiums tausender besiedelter Planeten und der damit verbundene Aufstieg der Menschheit zur galaktischen Hegemonialmacht ist von Anfang an steinig, und die über Jahrtausende ausgreifende Geschichte des Terraners (und seiner Terraner), die die Heftromane erzählen, lässt sich als nicht endende Kette von Widerständen beschreiben, die sich ihrem Helden von Anfang an entgegenstellen, um von ihm überwunden zu werden (Pehlke, 1970: 142). Die von der Serienforschung beobachtete „potenzielle Endlosigkeit serieller Narration“ (Kelleter, 2012: 26) gilt auch für Perry Rhodan, und man kann davon ausgehen, dass die Erzählung immer wieder Mittel und Wege finden wird, jeden in der erzählten Welt eventuell drohenden Stillstand kosmischer Harmonie („Humanismus und Gleichberechtigung“) von internen oder externen Antagonisten („Streit und Hass“) durchbrechen zu lassen, um so die Serie in der bewährten Weise fortzusetzen: Rhodan (oder seine Weggefährten, die terranische Flotte, das solare Imperium, die United Stars Organisation etc.) verfolgt eine wichtige Mission und wird dann (von Neidern, Feinden, konkurrierenden Zivilisationen, fremden Entitäten aller Art, abtrünnigen Kolonien, rebellierenden Flottenteilen etc.) aufgehalten, abgelenkt, bekämpft, hintergangen, herausgefordert etc., um schließlich das Ziel der Mission zu erreichen; allerdings nur, um zugleich einer neuen Herausforderung zu begegnen, die sich an genau dem Horizont abzeichnet, den die letzte Mission eröffnet hat.

Für die Protagonisten der Serie gilt: „Die allermeisten Entscheidungen sind politisch zu treffen, weil es mehrere Möglichkeiten gibt und deshalb gewichtet werden muss“, so User HerbertSeufert am 13.05.2018. Der Forist Artur Dent stimmt zu und ergänzt, nur so sei ein „gelangweiltes Friede-Freude-SAN15-Eierkuchen-Ensemble (jetzige Regierung und Co-Berater)“ aufzubrechen und in spannende Handlung zu überführen. Zur Beschreibung der Serienhandlung ist „Entscheidung“ ein von den Foristen hundertfach verwendeter Begriff. Die emische und etische Betrachtung der Serie kommen hier zur Deckung: Die Plotstruktur der Heftromanserie ist im Kern politisch im Sinne des Dezisionismus Carl Schmitts, denn ohne die Unterscheidung von Freund und Feind in ihrer äußersten Intensität, die Todes- und Tötungsbereitschaft (Schmitt, 1932) einschließt (Rhodan und die Seinen riskieren ihr Leben und ergreifen Maßnahmen, die die Tötung ihrer Antagonisten wahrscheinlich oder unausweichlich machen), wäre die Serie nicht zu erzählen – auch nicht in der Neo-Variante, die allerdings rhetorisch nicht so entschieden auftritt wie die EA. In der Tat: „dauernd krieg und völkermord“ oder doch „Kampf“, „Sieg“ und „Niederlage“, Begriffe, die im Forum hundert- und tausendfach zur Beschreibung der Serienhandlung verwendet werden. Anders würde man den Texten auch kaum gerecht. Streit und Hass (aber auch Streiter, Mitstreiter, Freund und Feind, Partei und Gegner) sind Begriffe, die in den erzählenden Sequenzen wie in der Figurenrede sehr häufig vorkommen. Die Serie selber, so lässt sich also die rhetorische Frage des Mitglieds 2008 verallgemeinern, konstituiert ihr Politisches und ist zugleich auf politische Beobachtung hin angelegt.

5 Der Streit um die Dritte Macht in der Perrypedia

Die politische Verfasstheit jener Macht, die Perry Rhodan als Mittel und Zweck seines Weges zu den Sternen betrachtet, ist unter den Lesern der Serie überaus umstritten, wie ein Vergleich der Einträge „Dritte Macht“ in der im Netz frei verfügbaren, nach dem Vorbild (und den Programmcodes) von Wikipedia gestalteten Perry-RhodanEnzy klopädie Perrypedia zeigen kann.16 Die Version des Artikels vom 2.02.2004 informiert die Nutzerin des Wikis über die politische Basis Perry Rhodans wie folgt:

Die Dritte Macht ist der von Perry Rhodan gegründete Staat, aus dem später das Solare Imperium hervor ging.

Nachdem Perry Rhodan 1971 auf dem Mond auf den Forschungskreuzer der Arkoniden gestoßen war und mit dem totkranken Crest zur Erde zurück kehrte, entschloss er sich, die außerirdische Technologie nicht in die Hände der USA fallen zu lassen, da dies unweigerlich einen Krieg mit der Sowjetunion und der Asiatischen Föderation nach sich gezogen hätte.

Statt dessen landete er die STARDUST mitten in der Wüste Gobi, am Ufer des Goshun-Sees. Dort konnte er unter einer Prallfeld-Kuppel den Angriffen der Weltmächte trotzen und so eine unabhängige, ‚dritte’ Macht gründen (gemeint sind die USA und die Asiatische Föderation; die UdSSR spielte damals bereits keine große Rolle mehr).

Nachdem man sich geeinigt und die anderen Staaten durch die GGC an der überlegenen Technologie teilhaben konnten, kaufte Perry Rhodan offiziell den Kernbereich der Prallfeldkuppel und das darum liegende Land und gründete die Stadt Terrania (1981?). Im Jahre 1990 wurde dann das Solare Imperium gegründet und die Dritte Macht wie alle anderen Nationalstaaten auf der Erde aufgelöst bzw. als Föderalstaaten eingegliedert.

Der Eintrag betont die entscheidende Rolle der Technik, die Rhodan von außerirdischen Raumfahrern übernimmt, bei der Etablierung der alternativen Dritten Macht in der Wüste und der von dort aus entschlossen betriebenen Gründung eines einzigen, alle Menschen nach Innen und Außen vertretenden Weltstaates, dem Nukleus des künftig Hunderte von Sonnensystemen beherrschenden Solaren Imperiums. Die aktuelle und 268. Version des Lemmas vom 14.06.2018 liest sich, bis auf den ersten Satz, gänzlich anders:

Die Dritte Macht war ein von Perry Rhodan gegründeter Staat, der die anderen irdischen Mächte zur Gründung einer Weltregierung bewegte. 1990 ging die Dritte Macht im Solaren Imperium auf.

Die Regierungsstruktur der Dritten Macht glich, bedingt durch die Sachzwänge, der einer gemäßigten Militärdiktatur. Ministerpräsident Perry Rhodan, in dessen Händen die Machtmittel der Arkoniden lagen, regierte notgedrungen als Diktator. Letztendlich entschied er über alle zu ergreifenden Maßnahmen, wodurch während des Bestehens der Dritten Macht nur geringe Ansätze von Demokratie erkennbar wurden.

Als Wirtschaftszentrum der von Homer G. Adams verwalteten Staatsfinanzen fungierte die General Cosmic Company. (PR 6)

Perry Rhodan konnte seinen Mitarbeitern, die aus aller Herren Länder stammten, nur bedingt vertrauen. Aus genau diesem Grund schränkte er im Dezember 1975 die Entscheidungsfähigkeit seines Stellvertreters Oberst Michael Freyt durch einen Hypnoblock ein und ließ den Oberst zusätzlich durch Mutanten überwachen. Freyt sollte während der Abwesenheit Rhodans nicht durch die ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel verführt werden, diese auch für eigene Zwecke einzusetzen. Als Rhodan 1980 nach der Lösung des Galaktischen Rätsels von der aufgrund einer Zeitverschiebung 4½ Jahre währenden Wega-Expedition zurückkehrte, erwies sich seine damalige Entscheidung als fehlerhaft. Mittlerweile war es im Ostblock zu einer Revolution gekommen. Der neue Machthaber unternahm Anstrengungen zur Eroberung der Venus – während Freyt mit veralteten Befehlen in Galakto-City regierte und keinerlei Eigeninitiative entwickeln konnte. (PR 20)

Über die Rolle der technischen Machtmittel lässt auch dieser Artikel keinen Zweifel aufkommen, doch wird hier auch festgestellt, dass über diese Mittel der Dritten Macht allein Perry Rhodan verfüge, der die Erde „als Diktator“ regiere, wenn auch „notgedrungen“. Seine eigene Gefolgschaft lässt er von Telepathen überwachen und durch Manipulationen des Bewusstseins in ihrer Willens- und Entscheidungsfreiheit einschränken. Der Artikel lässt im Fortgang keinen Zweifel daran aufkommen, dass Perry Rhodans Handeln auch nach der Rechtsordnung der 1960er- und 1970er-Jahre völkerrechts- und menschenrechtswidrig genannt werden muss. Die in der Serie immer wieder angeführte Rechtfertigung, dass die Existenz der Menschheit bedroht gewesen sei und es keine Handlungsalternativen gegeben habe, sieht Perrypedia heute kritisch:

Als Grund wurde meistens die Sicherung der Existenz der Menschheit angeführt. Tatsächlich verfolgte Rhodan stets auch imperialistische Ziele, da es z. B. sein erklärtes Ziel war, das Große Imperium der Arkoniden zu übernehmen und damit zur führenden Macht in der Milchstraße zu werden. Als Rechtfertigung diente ihm dabei stets das Argument, dass die Terraner als junges Volk allen anderen überlegen wären und deshalb den Spitzenplatz verdiene. Um dieses Ziel zu erreichen, waren auch Mittel der Gewalt legal.17

An eine solche Distanzierung vom Helden der Serie war einige Jahre vorher gar nicht zu denken. Von „Imperialismus“ ist noch in der Version vom 26.06.2015 keine Rede, und am 16.04.2010, also vor dem Launch von Perry Rhodan Neo, findet sich im Eintrag „Dritte Macht“ die zitierte Kritik an der expansionistischen Politik Rhodans nicht. In der Artikelversion vom 9.12.2004, 12:05 sucht man Bestimmungen der Dritten Macht als „Militärdiktatur“ und Rhodan als „Diktator“ vergeblich. Im aktuellen Eintrag „Solares Imperium“ (15.06.2018) wird das Reich von einem Großadministrator Rhodan geführt, auf dessen umfassende „Machtfülle“ hingewiesen wird. Die Version vom 30.04.2009 nennt das Amt ebenfalls, nicht jedoch die Möglichkeiten Rhodans, insbesondere die Ermächtigungen als Oberbefehlshaber der Flotte (ius ad bellum) und die direkte Weisungsbefugnis des Großadministrators über sämtliche Geschäftsträger der Regierung. Die Ausdehnung des Solaren Imperiums über Tausende von Welten im Umkreis von Tausenden von Lichtjahren um die Erde wird in diesem Artikel nicht imperialistisch genannt. Die Versionsgeschichten der mehr als 42.000 Lemmata und ihre Diskussion belegen, dass auch in der Perrypedia, genau wie im Forum, um die Deutung der Serie gerungen wird. Im Forum steuert Retrogame-Fan1 am 6.12.2013 zum Thread Die Dritte Macht – damals vor 50 Jahren eine Inhaltsangabe des Heftes 3 der Serie bei, in dem von der völkerrechtlich heiklen Frühphase der Dritten Macht erzählt wird, und fragt: „Welche Rolle spielt Rhodan mit seiner Macht? Sorgt er für den Weltfrieden, oder wird er zum Alles beherrschenden Diktator?“ Derartige Fragen, die bereits in den 1970ern vor allem von der Forschung, aber auch von einigen Lesern gestellt worden sind, lehnt Edgar Jansen in einem Leserbrief, der am 13.07.1999 in der Rubrik Leserkontaktseite von PR-Roman Nr. 1977 mit dem Titel Transformation erscheint, als „Stimmungsmache“ ab und lobt an den ersten Zyklen der Serie, die „Kämpfe und Raumschlachten“ würden mit „Rasanz“, „Farbigkeit, Intensität und Dynamik“, die Protagonisten „einfühlsam, präzise und lebendig“ geschildert. Vielen Diskutanten des Forums ist dieser Zusammenhang inhaltlicher und narratologischer Zwänge bei der Komposition der Heftromanserie vollkommen klar (die Mittel für terranische und gegnerische Aktionen und Reaktionen: Raumschiffe und Abwehrschirme, Geheimwaffen und Triebwerke etc. werden einerseits mit wunderbarer Liebe zum Detail beschrieben und weiterentwickelt; andererseits wachsen die Fähigkeiten des Gegners mit den eigenen Möglichkeiten und schaffen immer wieder die Notwendigkeit für neue Missionen), doch kann nicht ohne Weiteres ausgesprochen werden, dass die Serie ihren Helden, die solare Flotte, das Mutantenkorps, die USO etc. aus guten Gründen (nämlich aufgrund der Serialität selbst) von einer Schlacht in die nächste schickt. Die Schließung des notorischen Unterforums wird am 11.08.2015 von Nisel so kommentiert:

Das hier ist nunmal ein Perry-Rhodan-Forum, noch dazu das offizielle Verlagsforum. Habt Ihr mal drangedacht, wie so manche Diskussion in der letzten Zeit bei Gästen ankommen könnte, die evtl. noch die uralten Behauptungen, daß PR am rechten Rand (mindestens) anzusiedeln wäre, im Hinterkopf haben? Ich hab mich ja weitgehend aus dem Politikbereich ferngehalten, aber das was ich mitbekommen habe... sagen wirs so, war unappetitlich.

Dem Post ging unmittelbar eine Debatte um die Vernichtung von „unwerte[m] Leben“ durch das Volk der Tiuphoren voraus. Das klingt freilich „unappetitlich“. Aber wie verhält es sich, um die Frage des Foristen 2008 zu wiederholen, „mit der serie selber“? Im Heft 2440 erfährt die Leserin über eine feindliche Kommandantin: „Silathe verspürte Wut in sich aufkommen und die kaum zu bändigende Lust, zu töten, unwertes Leben auszurotten.“ (PR 2440 von 2008: Armee der Schatten) Trevor Casalle 839 hat im Forum diese Formulierung „unwertes Leben“ allerdings selbst in Anführungszeichen gesetzt und vermutet, das „Tiuphoren-Thema [könne] dann schnell sehr politisch unkorrekt werden“. Vermutlich, denn immerhin macht die Serie an dieser Spezies eine Ästhetik des Krieges beobachtbar: Die ‚völkermordenden‘ Tiuphoren choreographieren ihre verheerenden Angriffe und beachten bei ihrem Vernichtungswerk vor allem Regeln der Symmetrie und des Takts, während ihre Körper in Erwartung des Kampfes als ästhetischem Erlebnis selbst euphorisierende Pheromone ausschütten. Darf auch, nach diesem Modell, die Leserin „Kämpfe und Raumschlachten“ schön oder erhaben finden und ihre Intensität und Plastizität goutieren? Die Serie lässt die Kommandantin Silathe jedenfalls sterben.

6 „Forumskrieg“

Begriffe sind niemals unschuldig. Dies gilt gerade auch für solche, die in einer Heftromanserie Verwendung finden, denn im Falle fiktionaler Texte steht es ja den Erzählern frei, Alternativen zu verwenden. Dies gilt nicht nur für die direkte oder indirekte Figurenrede, sondern für die gesamte Schilderung der erzählten Welt. Auf dieser Grundlage eines immer auch anders möglichen Textes wird in den Foren diskutiert: Ohne die grundsätzliche Unterstellung von Kontingenz auf der Ebene der histoire, aber auch des discours, wären Kritik unmöglich und Debatten überflüssig. In einer offensichtlich für gesellschaftliche Bezüge so offenen Serie wie Perry Rhodan (ich erinnere an die bereits zitierten Worte des Redakteurs: „Stellen wir uns vor, wie es im Jahre 2036 aussehen könnte, wenn die bisherige Entwicklung unserer Welt so weitergeht“) können aber in der Tat „terminologische Fragen“ schnell zu „hochpolitischen Angelegenheiten [werden]; ein Wort oder ein Ausdruck kann gleichzeitig Reflex, Signal, Erkennungszeichen“ für eine umstrittene Position sein und so einen „polemischen Sinn“ entfalten (Schmitt, 1932: 18). Auf der Plattform selbst fällt der Begriff „Forumskrieg“ (und nicht etwa: Forumsdebatte, Forumskontroverse, Forumsstreit), um zu beschreiben, wie aus einer Review des aktuellen Perry Rhodan-Heftes eine weltanschauliche und polemische Auseinandersetzung wird. Dies hat gewiss auch einen Grund in den Troll-Praktiken, von denen jede Plattform mit anonymisierter Kommentarfunktion bedroht ist und die im Perry Rhodan-Forum nach der Schließung des Politik-Threads zum Problem und zum Thema („Don’t feed the Troll“) geworden sind. Die Trolle im Forum verstehen es gewiss, beinahe jeden beliebigen Beitrag in einen Anlass für einen solchen „Forumskrieg“ zu verwandeln. Aber auch nach der Sperrung notorischer Troll-Accounts geht es weiter mit der Dissoziation von Perry Rhodan-Fans in feindliche Fraktionen, auf die Moderatoren mit Sperrungen, Appellen und Mahnungen reagieren und die Klaus N. Frick (Redakteur des Verlages, der das Forum betreibt) am 18.05.2018 zur Drohung mit der Schließung des Forums für den Fall treibt, dass die Foristen nicht Frieden schlössen und ihre gegenseitigen Anfeindungen einstellten.

Dessen Post wurde innerhalb des Forums von niemandem kommentiert. Auf http://www. politik-im-exil.de/ verweist Cybermancer auf das Statement von Frick und merkt an: „Sieht aus, als wäre drüben das Forum bald dicht“. Kurze Zeit später, am 26.05.2018, wird der Account eines äußerst aktiven Foristen und Trolls gesperrt. Jede Diskussion über die Maßnahme wird untersagt. Auf den Twitter- und Facebook-Accounts von Perry Rhodan ist es zu derartigen Kontroversen nicht gekommen, die „Leserkommunikation“ läuft dort in ruhigen Bahnen, was daran liegen könnte, dass ausführliche Beschreibungen der Serie dort keinen Platz haben und auch nicht zu Kontroversen über das Politische der Serie und ihre Bezüge zur gesellschaftlichen Umwelt führen.

Das Streitthema und der Anlass sind aber mit den Interventionen des Redakteurs und der Sperrung der Trolle nicht vom Tisch. Auch wenn viele Foristen vorschlagen, die sachliche Rezension und Diskussion der Hefte, Zyklen, Protagonisten etc. von politischer Kommentierung zu trennen, lässt sich das Politische der Serie nicht einhegen. Am 5.06.2018, einen Monat nach der Drohung des Redakteurs und den Sperrungen mehrerer Accounts, wendet sich NobbyR an die „lieben Mitforisten“:

Als Fan der Serie seit vielen Jahrzehnten tut es einem schon etwas weh, wenn man beobachten muss, dass besonders die Leser einer einzigartigen SF-Heftroman-Serie, die inzwischen mehrere Leser-Generationen vereint und jetzt kurz vor dem 3000er Jubiläum steht, Konflikte in einem Forum austragen müssen, die dann so persönlich werden, dass Foristen ausgeschlossen oder ermahnt werden und Redaktion und Moderatoren händeringend nach einer Lösung suchen, um die Wogen einigermaßen zu glätten. Warum das alles?

Er wünscht sich, dass das Forum zum Common Ground einer Fan-Gemeinschaft zurückfinde; dazu müssten die Perry-Rhodan-Freunde nur ihrem Vorbild Perry Rhodan folgen:

Wenn man sich als Gemeinschaft neu findet und definiert: PERRY RHODAN Freunde, die sich für andere PERRY RHODAN Freunde engagieren, miteinander diskutieren und viele Gedanken austauschen, kann sich das Forum in gar wenigen Wochen (besonders mit Blick auf Band 3000) zu einer tollen Plattform entwickeln, in der sich jeder wohlfühlt. Probleme und Threads von heute können in wenigen Wochen Vergangenheit sein, man weiß zwar um die turbulente, vergangene Zeit, doch hat man auch vieles daraus gelernt - fast so, wie Perry Rhodan einst es geschafft hatte, die Menschheit neu zu einen - mit einer Vision.

Am gleichen Tag weist Rattus Rattus die Perry-Rhodan-Leser und Foristen kühl darauf hin, dass „Fan“ eine „Abkürzung für Fanatiker“ sei. Und man könnte sich daran erinnern, dass ja auch der Visionär Perry Rhodan bereits im Paratext von Perry Rhodan: Unternehmen „Stardust“ als der „fanatische Verfechter des Gedankens an eine vereinte und starke Erde“ angekündigt wird und sich denn auch in der Tat mit allem ihm möglichen Fanatismus an diese Mission begibt. Der Hinweis trifft aber auch deshalb zu, weil jede Diskussion eines Heftes, man siehe in den Thread zu PR Nr. 2961 (Der Kepler-Komplex von 2018)18, über die Beschreibung der politischen Dimension (hier: „Staatsversagen“, „Untersuchungsausschuss“, „Geheimdienst“) sofort zu politischen Kontroversen inklusive „Nazivergleich“ gelangt. Das sind Steilvorlagen für das Trolling und die weitere Radikalisierung der politischen Kommentare. Auch dies sind Nutzerpraktiken, die in einem sehr engen Zusammenhang mit story und plot der Serien stehen.

Viele Beiträge zum Forum – Ausnahmen sind rein technische Hinweise zur Kommunikation auf der Plattform oder die off topic area – sind ganz offensichtlich relevant für die Erkundung der Lektürepraktiken der Rezipienten und, noch etwas weitreichender, für die Erforschung der „Praktiken der Aneignung einer populären Serie“, wie sie im Rahmen der DFG-Forschergruppe „Populäre Serialität“ betrieben worden ist (Bendix, 2012; Nast, 2013; Nast, 2017; Hämmerling, 2017). Diese Studien haben die Leser – oder eigentlich:

Akteure, denn zu den Aneignungspraktiken zählt weitaus mehr als nur das Lesen der Hefte – der Serie erstmals in das Zentrum einer praxeologischen Forschung gestellt und damit ein Kapitel der Rezeptionsforschung aufgeschlagen, das sich nicht mit Unterstellungen, Schematisierungen und Klischees begnügt, die von der Trivialliteraturforschung vorgegeben wurden. Form und Inhalt der Heftromane spielen allerdings in diesen Studien kaum eine Rolle, beforscht wurde (in der Feldforschung oder durch Leitfadeninterviews) der Umgang mit den materiellen Heften selbst, ihr Erwerb, die Orte und Zeiten ihrer Lektüre, die Weisen des Aufbewahrens usw. Was gelesen wurde, verblieb bei der Analyse der Lektürepraktiken in einer black box (Nast, 2017). Fanforen und Wikis sind bei der praxeologischen Erschließung der populären Serialität Perry Rhodans ebenfalls noch nicht berücksichtigt worden. Diese Forschungslücken gilt es zu schließen, weil anders die signifikanten Zusammenhänge zwischen plot und story der Serien und ihrer auch politischen Aneignung durch die Leserinnen, Fans und Foristen  überhaupt nicht in den Blick kommen können und die über fünfzig Jahre währende Beschreibung des Politischen durch die Serie und Beobachtung des Politischen der Serie durch die Leser unbeachtet bleiben.

7 Im „Trommelfeuer der SF-Ideologie“

Forscherinnen wie Nast, Hämmerling und Bendix haben aber das Terrain für diese Fragen erst bereitet, indem sie die Analyse der Heftromanserie aus den Zwängen einer ideologischen oder normativ voreingestellten Trivial- und Massenkulturforschung befreit haben. Denn nicht nur in der Literaturwissenschaft, sondern auch in der Publizistik, der Literatursoziologie, Soziologie und den Kultur- und Medienwissenschaften hat man sich in den wenigen einschlägigen Studien zu Perry Rhodan damit begnügt, von der massenhaften, seriellen, kulturindustriellen Produktion und den entsprechend trivialen, im besten Fall belanglos-eskapistischen, jedenfalls unkritisch-systemkonformen und im schlimmsten Fall faschistischen Inhalten der  Heftromane umstandslos auf Leser zu schließen, die im phantastischen Reich des von Perry Rhodan gegründeten solaren Imperiums den unterdrückten Träumen nationalsozialistischer Weltherrschaft hinterherhingen. Die Serie galt als Verbreitungsmedium „reaktionäre[r] ldeologie“ (Ziermann, 1983: 112): „To put it in a nutshell: the method of this serial is to take the National-Socialistic and fascist values of racism, Social-Darwinism, imperialism, and the ‘Führer’-cult and blow them up to cosmic proportions as universal human values.“ (Nagl, 1981: 32). Zwar seien weder die Autoren noch die Leser von Perry Rhodan „Nazis“, und auch die „Bonner Republik“ dürfe nicht mit dem „Dritten Reich“ verglichen werden, doch offenbare die Analyse der Serie jene „well-known and constantly invoked reactionary values“, die auch die Leser in Italien und Japan zu schätzen wüssten: „countries, that is, that have certain obvious similarities with Germany in their recent historical pasts“ (ebd.). Die Leser, so zeigt sich ein anderes Autorenteam sicher, das ausdrücklich für sich in Anspruch nimmt, das „soziologische Milieu“ der Serien und ihrer Leser erforscht zu haben, seien diesen „Invokationen“ geradezu schutzlos ausgeliefert. Die erklärte „Intention“ des Beitrags liege daher darin „to show how dangerously this kind of literature can affect the thinking of the readers, in that behind a screen of verbal progressiveness it imposes concentrated reactionary ideas.“ (Pukallus, 1979: 190, 199) Die Perry Rhodan-Leser drohten dem „Trommelfeuer der SF-Ideologie“ zu erliegen, schreiben Pehlke und Lingfeld martialisch (Pehlke, 1970: 151, 30). In den „Köpfen der Fans“, so nimmt man an, „finde sich die geballte Reaktion“ (Friedrich, 1995: 387). Perry Rhodan betreibe insgeheim „faschistische Propaganda“ (Pehlke, 1970: 140). Die vermeintlichen Unterschicht-Rezipienten (Krämer, 1990: 211) „populärer Literatur“ halten eben der „subjection to reified rationality and one-dimensionality” nicht stand, heißt es im Marcuse-Stil. Perry Rhodan gilt als „most popular and most reactionary German SF“ (Kling 1977: 161). Niemand hat mit der Möglichkeit gerechnet, dass die Popularität und Kontinuität der Serie zu einer Komplexität führt, deren Reflexion die Leserinnen und Leser auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den ‚reaktionären‘ Zyklen der EA und ihrer differenzierten Relektüre bewegen würde.

Methodologische Kritik an diesen Ansätzen wird erst in den 1990er Jahren formuliert. Hans-Edwin Friedrich hat den Studien, die so viel über die „Wirkung“ der Texte auf die Rezipienten zu wissen vorgeben, vorgehalten, nur simplifizierende Textinterpretationen auf den Rezipienten zu extrapolieren: „In der Tat kamen die meisten Arbeiten zu handfesten Aussagen über die Wirkung von SF beim Leser, ohne den Boden textimmanenter Analysen zu verlassen.“ (Friedrich, 1995: 76) Und Reinhold Krämer hält es für „fraglich“, „ob Untersuchungen, die sich damit begnügten, den faschistoiden Charakter der Serie herauszuarbeiten, wirklich die Gründe erfassen, warum die Serie bei den Lesern einen solch großen Erfolg hatte.“ (Krämer, 1990: 247) Krämers Einwände weisen bereits in die Richtung, der die ethnographisch-praxeologischen Studien der jüngsten Zeit gefolgt sind:

Die Frage nach den Wirkungen von Texten, die mit dem Problem nach der erfolgreichen Durchsetzung von bestimmten Lesestoffen auf dem literarischen Markt verknüpft werden kann, wird bis heute meist nur durch Vermutungen und nicht geprüften Hypothesen beantwortet, es liegen kaum empirisch nachgeprüfte Ergebnisse vor. In Umkehrung real ablaufender Prozesse wurde eher gefragt, was Texte mit Lesern machen, hingegen hätte sich das Interesse eher darauf zu richten, was Leser mit Texten machen. (Ebd.: 133)

Was die Leser mit ihren Heften machen, nämlich abonnieren oder am Kiosk erwerben, zuhause in einem Zug oder unterwegs in Bus und Bahn portioniert lesen, sammeln oder tauschen, wissen wir dank der Interviews und der teilnehmenden Beobachtung der empirischen Kulturwissenschaftlerinnen (Nast, 2017). Was die Leser mit Texten machen, ist im Fall der Perry- Rhodan-Heftromane allerdings noch immer eine offene Frage. Meine Untersuchung der Akteure in den Foren und Wikis hat aber Hinweise darauf gegeben, welchen Ertrag eine Forschung erbringen könnte, die, wie von der empirischen Kulturwissenschaft gezeigt, den Akteuren (auch in die Foren, Wikis, sozialen Medien) folgt und zugleich die Texte ernst nimmt, die in den Aneignungsweisen der Leserinnen resonieren.

Die Vielfalt der Lektüren und die Auseinandersetzungen um das Politische der Serie sowie die Frage ihrer Welthaltigkeit zeigen, dass die Arbeiten der Science-Fiction-, Trivial- und Schemaliteraturforschung, der Studien zur Massenkultur und Kulturindustrie falsch liegen. Dies liegt nicht unbedingt daran, dass die einzelnen Heftromane nun als Literatur alle viel besser sein sollen als ihr Ruf; es liegt daran, dass die Serie derart populär und die von ihr selbst über Tausende von Fortsetzungen und in vielen Spin-offs und Reboots erzeugte Komplexität so groß werden konnte, dass sie Kontingenzeffekte produziert, mit denen die Leser umzugehen haben. Rhodan und die Seinen, aber auch ihre Antagonisten sind 1961 andere als 1991 oder 2011 und 2018. Der Visionär in Perry Rhodan Neo lebt in einer anderen Welt, sieht anders aus, ist anders erzogen, redet anders, entscheidet anders als der Risikopilot der Erstauflage. Die beiden Serienvarianten unterscheiden sich auch narratologisch: Modus, Stimme, Fokalisierung – alles ist in der Neo-Variante anders umgesetzt und verstärkt die Erfahrung von Differenz; insbesondere erhalten auch Gegner ihre eigene Perspektive und Stimme. Dass diese Differenz in der Forumsdiskussion und bei der Gestaltung der Perrypedia auf Resonanz stößt, konnte meine Analyse bereits zeigen; die Rezeption ist mehrschichtig, kontrovers, politisch divers, kritisch, jedenfalls alles andere als eindimensional reaktionär. Mit der Differenzerfahrung, die Perry Rhodan offeriert, steigt aber auch die Verlockung, die auf dem Forum unübersehbar ist, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexte, die die Serie ab 1961 und dann wieder ab 2011 einfängt, zu vergleichen und in den Bildern der Serie die eigene Gegenwart zu beschreiben und zu verstehen. Zu den Effekten dieses Vergleichsangebots zählt die politische Polarisierung des Forums.

8 Polarisierung und Achtungsentzug

Im Forum wird am 24.07.2012 ein neuer Thread eröffnet und eine Diskussion über die vierte Staffel der Neo-Serie begonnen. Es geht um Spekulationen über den Handlungsverlauf, um mögliche Gegner (Maahks, Blues, Posbis, Druuf), um das Schicksal einiger wichtiger Protagonisten (Thora, Crest) etc. Man könnte Mirjam Nasts Eindruck teilen, auf dem Forum führten „LeserInnen der Serie […] über Perry Rhodan […] gewinnbringende Seriengespräche“ (Nast, 2017: 219). Verfolgt man diesen „Austausch von Lektüreerfahrungen“ (ebd.) weiter, gelangt man zu jenem Moment, an dem die Mitteilung einer Lektüreerfahrung eine Politisierung in Gang setzt, die aus der trauten Fachsimpelei unter Fans eine erbitterte Auseinandersetzung macht: Kapaun kommt in seinem Kommentar eines Posts zu einer in der Serie beschriebenen Gesellschaftsform zu einer Spekulation, die im Forum auch als „OT“ (off topic) bezeichnet werden könnte, weil sie sich nicht mehr zum Text selbst äußert:

Wodurch unterscheidet sich eigentlich Anarchie vom Faschismus? Durch die fehlende Organisation? Nein, das steht nicht zu erwarten, denn Anarchie ist nichts weiter als die Herrschaft der stärksten Faust - die aber wird Organisation benötigen.

Da fällt mir dieser Witz ein. Sagt ein Bayer zum anderen: „Du, was wir jetzt brauchen, wär mal eine Anarchie.“ Sagt der andere Bayer: „Jo, aber mit einem richtig starken Anarchen!“

Dieser Kommentar führt dazu, dass die Diskussion sich von der Neo-Serie löst und ins Politische und Persönliche abgleitet. Honor_Harrington schreibt am 26.07.2012: „Kapaun, du schreibst wirklich so krass Müll, das es echt schmerzhaft ist. Bevor du anfängst, dir irgendwas zusammen zu spinnen und zu glauben – bitte, bitte, informier dich doch einfach erstmal.“ Kapaun kontert: „Schätzchen, ich habe ein abgeschlossenes Studium der Politikwissenschaft hinter mir – und du bist ab sofort auf der Ignore-Liste.“ Und Werner Fleischer erwidert: „Warum schreibst und argumentierst du dann nicht wie einer.“ Die Kontroverse eskaliert. Es geht schnell ums Grundsätzliche. „Gefällt dir nicht, was? Das ist immerhin zweifellos ein enormer Vorteil der Demokratie, dass unliebsame Sichtweisen allenfalls beschimpft werden können“, entgegnet Kapaun auf seine Kritiker. Es ist typisch, dass ein Forist darauf hinweist, ihn würde dies alles nichts mehr angehen, da er sich für die Neo-Serie interessiere und nicht für OT-Auseinandersetzungen: „Macht doch solche Diskussionen bitte im Politikforum. Da muss ich sie nicht lesen, denn da poste ich nicht.“ (old man am 26.07.2012) Bitten an die Moderatoren, dafür zu sorgen, dass das Forum entsprechend von politischen Äußerungen freigehalten wird, werden als Angriffe auf die Meinungsfreiheit diffamiert. Die moralische Aufladung der Kontroverse durch explizite Missachtung der Person des anderen bzw. die Verlagerung der Sachdimension auf die Sozialdimension der Kommunikation („Informier dich doch mal!“, „Ich bin Politikwissenschaftler!“, „Du wirst künftig ignoriert“, „Du bist undemokratisch“ etc.) führt innerhalb von drei Tagen zu einer Polarisierung, die repräsentativ für den Diskussionsverlauf im Forum ist. Von dieser „Polarisierung“ ist auch im Forum immer häufiger die Rede.19 Der User hz3cdv konstatiert am 3.12.2013 eine „Eskalation“ der Auseinandersetzung, die von „Fraktionen“ aufgeheizt werde. Das Forum zerfällt in Parteien, die jede Forumsdiskussion über alte oder neue Hefte, über die Erstauflage oder Neo in einen Kampf verwandeln, in dem alles Politische persönlich und alles Persönliche politisch genommen wird.20 Foristen klagen über „Agressivität“ und „Mobbing“, aber auch über „Zensur“ und „political correctness“.21 Vorschläge, sich „mehr auf die Serie als solches zu konzentrieren“ (LaLe, 28.08.2015), lösen das Problem schon allein deshalb nicht, weil die „Serie als solche“ ja gerade zu politischen Deutungen herausfordert, in die sich die Parteigänger der verschiedenen „Lager“ (Julian, 7.09.2018 und Laurin, 25.05.2018) dann sofort einmischen: Die Debatte eskaliert, die User stellen ihre moralische Integrität gegenseitig infrage, die Polarisierung im Forum nimmt weiter zu.22 Und dies geschieht immer wieder, obwohl sich die Foristen stets ihrer gemeinsamen Wertschätzung der Serie versichern. Im Forum lässt sich das Staunen darüber beobachten, dass trotz dieses Common Grounds das Forum zu zerbrechen droht. Exemplarisch NobbyR am 5.06.2018:

Sind wir nicht alle wirklich Fans oder sind wir es nicht mehr? Wenn 99%, die hier mitschreiben, sich immer noch zu den PERRY RHODAN-Fans zählen, dann sollte genau ab jetzt der Punkt erreicht sein, an dem man aufmerksam wird und sich selbst wirklich ernsthaft hinterfragt: Was tue ich dafür, dass das tolle Forum hier weiterexistiert, was kann ich dazu beitragen, die Serie auch weit über Band 3000 hinaus zu unterstützen und alle weiter zu motivieren, Autoren, Redaktion, Moderatoren und Fan-Aktivisten sich für die Zukunft zu engagieren?
Es muss jedem klar sein: Eine Gemeinschaft ist nur dann eine Gemeinschaft, wenn man gemeinschaftlich denkt, schreibt und handelt. Eine Fan-Gemeinschaft darf sicherlich auch kontroverser Meinung sein, aber sie darf niemals jemanden verletzen wollen, Aggressivität um ihrer selbst Willen ausleben oder andere gar mobben. Das wird und kann nie gut gehen und führt auch weit über das Ziel hinaus.

Im Perry-Rhodan-Forum lässt sich beobachten, wie die von der Serie angeregten Selbstbeschreibungen des Politischen unweigerlich in polemisch geführte Fehden münden, die die Grundlagen der Gemeinschaft zu zerstören drohen. Alle Versuche, durch eine Neuorganisation des Forums oder eine Umstrukturierung der Threads „sachliche“ und „politische“ Kontroversen voneinander zu trennen, scheitern. Alle Bemühungen, mit neuen Regeln und Netiquetten die Foristen vor Entgleisungen der Diskussionen zu schützen, bleiben erfolglos. Das Moderatorenteam (Mod-Team) postet am 27.04.2018 unter der Überschrift „Uns reicht’s“ einen verzweifelt klingenden Appell in eigener Sache:

• Liebe Foristen, schaut euch diesen Thread https:// forum.perry-rhodan.net/viewtopi ... =4&t=10312 an! Er zeigt in aller Deutlichkeit, was [...] schief läuft:

• Viele Foristen sehen nur ihre eigene „Seifenblase“ und kultivieren ihre Ich-Bezogenheit auf der Basis ihrer eigenen Sicht

• Es gibt Gruppenbildung bei Foristen mit ähnlichen Ansichten bis hin zu Angiftungen und Beleidigungen der Gegenpartei

• Immer wieder wird das eigene Mitteilungsbedürfnis ausgelebt ohne Rücksicht auf die gezielten Informations- und Diskussionswünsche anderer Foristen. Gerne werden dann Meinungsfreiheit, Mundtotmachen von Kritikern und bisweilen auch hehre Moralpositionen aus dem Elfenbeinturm herbeigezogen, um das persönliche Verhalten zu legitimieren

• Und im Endeffekt wird immer nach den Moderatoren gerufen. Sei es, um unliebsame oder als angriffig empfundene Beiträge zu melden oder um eine Threadbereinigung zu fordern, die von Beteiligten dann immer wieder lustig durch weiteres Offtopic ignoriert wird.

Im Forum Politik im Exil werden die Versuche der Moderatoren, das Forum zur Raison zu bringen, aufmerksam verfolgt: LaLe am 25.05.2018: „Aktuell räumen die Mods auf, erste Threads sind bereits vorübergehend gelocked. Mal schauen was das wird.“ Cybermancer beschwert sich: „Das ist Zensur!!!!“ Und Lady Morgana kommentiert am selben Tag: „Hab ich inzwischen auch gesehen, LaLe. @Cybermancer: Was sollen sie denn Deiner Meinung nach machen? Seit KNFs Post ist die Stimmung in dem dortigen Forum explodiert. Einfach Augen zu und durch? Das wird ihnen doch gerade vorgeworfen. Jetzt machen sie‘s anders und es ist schon wieder nicht Recht.“ Daran wird sich nichts ändern, obwohl immer wieder die gemeinsame Liebe zur Serie und das geteilte Interesse an spannender Unterhaltung beschworen wird:

Mit Respekt und Toleranz gegenüber dem Mitforisten sollte doch ein angenehmes Miteinander funktionieren. Die PR-Serie ist Unterhaltung. Nicht mehr und nicht weniger. Unterschiedliche Meinungen darüber zu haben und zu äußern ist doch nicht lebensbedrohlich und sollte doch jeder Fan akzeptieren können. In der heutigen Ich-bezogenen Zeit scheint dies kaum mehr möglich zu sein. Deshalb setze ich mich persönlich auch für ein friedvolles Miteinander ein, ganz besonders hier im PR-Forum, in dem wir doch alle nur unserem allerliebsten Hobby frönen wollen. (cc-zeitlos am 6.06.2018)

Es besteht ein seltsamer Widerspruch darin, dass die Perry-Rhodan-Serien einerseits unübersehbar auf politische Anspielungen setzen, die Redaktion anderseits aber die Diskussionen über das Politische der Serie im Forum zunächst ins Offtopic verbannt und schließlich ganz verbietet. Im Heftroman Nr. 2976 (erschienen am 31.08.2018) mit dem Titel Hyperlicht wird eine Gesellschaft geschildert, die von immersiven Medien, personalisierter Werbung, Unterhaltung und Konsumismus geprägt und zugleich von massiven sozialen und zugleich ethnischen Gegensätzen strukturiert ist. Eine Krise, die die Gesundheit aller gefährdet, wird von den gutsituierten Ständen mit privater Krankenversorgung ganz anders abgefedert als von den Unterschichten. Dieses Heft, in dem Weltraumschlachten und heroische Terraner, Mutanten und feindliche Aliens keine Rolle spielen und Perry Rhodan nur insofern vorkommt, als er in den galaktischen Massenmedien vor die Kameras tritt, ist voller Bezüge auf aktuelle Kontroversen um Gerechtigkeitslücken im Gesundheits- und Rentensystem, um Rassismen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, um Kinderarmut und die Macht sozialer Medien. Auch von einer „sektiererischen Splittergruppe“ namens „Alt.fright“ ist die Rede, welche die „bewusste Manipulation der Öffentlichkeit“ durch die Mainstream-Medien und die politische Elite anprangert. Laurin kommentiert im Forum Politik im Exil am 2.09.2018:

Ich bin sonst kein großer Freund von Real-Bezügen zu politischen Ereignissen der Gegenwart in Science Fiction, aber hier ist das dem Autor in profunder Weise gelungen. Man kann den Roman als Zeitraffer-Analogie zum beginnenden Klimawandel verstehen, wo soziale und kulturelle Unterschiede verschärft aufbrechen - und als Aufruf, in der Not zusammenzustehen, statt sich von Populisten (im Roman kommen sogar die ‚Alt Frights‘ vor) auseinander dividieren zu lassen.

Die rechtspopulistische Alt-right-Bewegung wird hier kritisch positioniert, zugleich wird die Zivilgesellschaft mobilisiert, die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden. Das Heft wird auch auf dem Verlags-Forum intensiv diskutiert.23 Es wird schnell grundsätzlich in der Kontroverse um die Frage, wie Schilderungen sozialer Ungleichheit und ethnischer Diskriminierungen zur Geschichte des Solaren Imperiums passen und ob diese Konflikte im Besonderen und „Sozialprobleme“ und „Realbezüge“ (Merkosh am 3.09.2018) im Allgemeinen in der Serie überhaupt einen Platz haben sollten.

Im Verlagsblog hält die Redaktion an Hyperlicht fest: „Im Gewand eines Science-Fiction-Heftromans erzählt der Autor von Flüchtlingen und Solidarität, von sozialen Problemen und wie man damit umgehen könnte.“24 Die Serie beobachtet das Politische der Gesellschaft, und sie provoziert, wie die Debatten in den Foren belegen, Beobachtungen des Politischen der Gesellschaft. Das macht Perry Rhodan zu einer besonderen Herausforderung einer kultur- und medienwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft, weil sich – anders als bei vielen anderen Texten – die kontroverse und intrikate Resonanz des Politischen ganz konkret in den Foren beobachten lässt. Dass die Foristen immer wieder ihre Zusammengehörigkeit als Perry-Rhodan-Fans (die „die Serie mögen/lieben/…“ Dr Neru am 17.4.2018) beschwören, kann die politische Polarisierung nicht verhindern. Das Politische der Serie ist eben viel ambivalenter, als die Schemaliteraturforschung dies für möglich gehalten hat. Die zahlreichen Auseinandersetzungen der Foristen um das Politische der Serie liefern den Nachweis, dass es keine typische „Perry Rhodan-Brille“ (Nast, 2017: 205) gibt, durch die die Leser ins neue Heft und in die Welt schauen. Vielmehr stimuliert die Perry-Rhodan-Lektüre eine Dauerkontroverse darüber, was die Serie und was das Politische in ihr ausmacht. Das politische Selbstverständnis der Leserinnen und Leser wird hier unweigerlich mit zur Beobachtung gestellt – und so selbst zum Thema, das so persönlich ist, dass es „galaktische Diskussionen“ zum „Forumskrieg“ eskalieren lässt. So werden nicht nur die „gesellschaftlichen Hintergründe“ (Stache 1986) der Serie verhandelt, sondern auch der politische Common Ground ihrer gesellschaftlichen Umwelt.

Literaturverzeichnis

Quellen

Perry Rhodan-Heftserie

Darlton, Clark (1961): Perry Rhodan. Die dritte Macht (Band 2). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Darlton, Clark (1964).: Perry Rhodan. Ein Toter soll nicht sterben (Band 140). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag. Ewers, Horst Gehrmann (1984): Perry Rhodan. Der Psi-Schlag (Band 1197). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Francis, Hans Gerhard (1980): Perry Rhodan. Heimkehr (Band 999). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Lukas, Leo (2008): Perry Rhodan. Armee der Schatten (Band 2440). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Scheer, Karl Herbert (1961): Perry Rhodan. Unternehmen „Stardust“ (Band 1). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Scheer, Karl Herbert (1962): Perry Rhodan. Der Unsterbliche (Band 19). Rastatt: Pabel-Moewig- Verlag.

Schulz, Dirk (2018): Perry Rhodan. Hyperlicht (Band 2976). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Schwartz, Susan (2018): Perry Rhodan. Olymp1.

Mysterium. Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Voltz, William (1980): Perry Rhodan. Der Terraner (Band 1000). Raststatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Perry Rhodan Silberbände

Ewers, Horst Gehrmann/Mahr, Kurt/Sydow, Marianne (2018): Perry Rhodan. Der Psi-Schlag (Band 142). Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Perry Rhodan Neo

Borsch, Frank (2014): Perry Rhodan Neo. Vision Terrania. Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Sonderband

Darlton, Clark (1958): Moewig Terra Sonderband Nr.:1 – Attentat auf Sol. Rastatt: Pabel-Moewig-Verlag.

Internetforen

Perry Rhodan Forum: https://forum.perry-rhodan.net.

SF-Forum: https://forum.sf-fan.de.

Perry Rhodan Online Community: https://www.proc.org.

Perry Rhodan Webchronik: http://prchronik.zweikiesel.de/ index.php.

Politik im Exil: https://www.politik-im-exil.de.

Perrypedia: https://www.perrypedia.proc.org.

Perry Rhodan-Redaktion: http://perry-rhodan.blogspot.com.

Forschungsliteratur

Bendix, Regina/Hämmerling, Christine/Maase, Kaspar et al. (2012): Lesen, Sehen, Hängenbleiben. Zur Integration serieller Narrative im Alltag ihrer Nutzerinnen und Nutzer. In: Kelleter, Frank (Hg.): Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Bielefeld: Transcript, S. 293-319.

Bierwirth, Gerhard (1972): Zum Beispiel Jerry Cotton. Trivialliteratur als Chance der Literaturwissenschaft. In: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Jg. 2, S. 95-104.

Dath, Dietmar (2003): Simile venit ad simile: Warum man Superintelligenzen nicht vergleichen kann. In: Bollhöfener, Klaus/Farin, Klaus/Spreen, Dirk (Hgg.): Perry Rhodan Studies. Spurensuche im All, Archiv der Jugendkulturen, Berlin: Speed Comics, S. 13-25.

Ellerbrock, Beate/Ellerbrock, Jürgen/Thiesse, Frank (1976): Perry Rhodan: Untersuchung einer Science Fiction-Heftromanserie. Gießen: Anabas.

Esselborn, Hans (2003): Topoi der Perry-Rhodan-Forschung seit den 60er Jahren. In: Bollhöfener, Klaus/Farin, Klaus/Spreen, Dirk (Hgg.): Perry Rhodan Studies. Spurensuche im All. Archiv der Jugendkulturen. Berlin: Speed Comics, S. 26-47.

Friedrich, Hans-Edwin (1995): Science Fiction in der deutschsprachigen Literatur. Ein Referat zur Forschung bis 1993. Tübingen: Niemeyer (IASL-Sonderhefte 7).

Genette, Gérard (2001): Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Hahn, Ronald M./Pukallus, Sylvia/Pukallus, Horst et al. (1979): ‘Perry Rhodan’ as a Social and Ideological Phenomenon. In: Science Fiction Studies, Vol. 6, No. 2, S. 190-200.

Hämmerling, Christine/Nast, Mirjam (2017): Popular Seriality in Everyday Practice: Perry Rhodan and Tatort. In: Kelleter, Frank (Hg.): Media of Serial Narrative. Columbus: Ohio State UP, S. 248–260.

Hügel, Hans-Otto (2003): Romanheft. In: Hügel, Hans-Otto (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Stuttgart: Metzler, S. 376-383.

Iser, Wolfgang (1990): Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. München: Fink.

Kelleter, Frank (2012): Populäre Serialität: Eine Einführung. In: Kelleter, Frank (Hg.): Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion: Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Bielefeld: Transcript, S. 11–46.

Kling, Bernt (1977): Perry Rhodan. In: Science Fiction Studies, Vol. 4, No. 2, Greencastle, S. 159-161.

Krämer, Reinhold (1990): Die gekaufte »Zukunft«: Zu Produktion und Rezeption von Science Fiction in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. In: Estermann, Monika/Wittmann, Reinhard/ Kleiss, Marietta (Hgg.): Archiv für Geschichte des Buchwesens. Bd. 34, Berlin: De Gruyter, S.117–266.

Nagl, Manfred (1981): National Peculiarities in German Science Fiction: Science Fiction as a National and Topical Literature. In: Science Fiction Studies, Vol. 8, No. 1, Greencastle, S. 29–34.

Nast, Mirjam (2013): Invasion ins Perryversum? Praktiken der Aneignung einer populären Serie. In: Johler, Reinhard/Marchetti, Christian/Tschofen, Bernhard et al.(Hgg.): Kultur_Kultur: Denken, Forschen, Darstellen. Münster: Waxmann, S. 160-166.

Nast, Mirjam (2017): ‚Perry Rhodan‘ lesen. Zur Serialität der Lektürepraktiken einer Heftromanserie. Bielefeld: Transcript.

Nutz, Walter (1999): Trivialliteratur und Popularkultur: Vom Heftromanleser zum Fernsehzuschauer. Eine literatursoziologische Analyse unter Einschluß der Trivialliteratur der DDR. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Pehlke, Michael/Lingfeld, Norbert (1970): Roboter und Gartenlaube: Ideologie und Unterhaltung in der Science-Fiction-Literatur. München: Hanser.

Scheer, Karl Herbert. (1989): Stern A funkt Hilfe. Rastatt: Erich Pabel.

Schmitt, Carl (1932): Der Begriff des Politischen. Berlin: Duncker & Humblot.

Stache, Rainer (1986): Perry Rhodan. Überlegungen zum Wandel einer Heftromanserie. Tübingen: S & F.

Stockinger, Claudia (2018): An den Ursprüngen populärer Serialität. Das Familienblatt ‚Die Gartenlaube‘. Göttingen: Wallstein.

Werber, Niels (2014): Geopolitik. Zur Einführung. Hamburg: Junius.

Werber, Niels (2016): Das Populäre und das Publikum. In: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Jg. 46, Heft 4/2016, S. 469-477 (https:// doi.org/10.1007/s41244-016-0034-2).

Ziermann, Klaus (1983): Vom Bildschirm bis zum Groschenheft: der Literaturbetrieb der BRD, Machtstrukturen und Widersprüche. Berlin: Dietz.


Fußnoten

1 https://www.boersenblatt.net/artikel-buchcharts_-_ die_aktuellen_bestsellerlisten.1464338.html?nl=newsletter20180509& nla=artikel1464338&etcc_newsletter=1 (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 2 https://www.perrypedia.proc.org/wiki/Solares_Imperium. Interessant sind die vielen unterschiedlichen Versionen und die Auseinandersetzungen auf der Diskussionsseite des Artikels, z.B. https://www.perrypedia.proc.org/ mediawiki/index.php?title=Diskussion:Solares_Imperium& oldid=1031118 (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 3 https://forum.perry-rhodan.net 4 https://perry-rhodan.net/impressum. Zu diesem Impressum gelangt man auch, wenn man von https://forum. perry-rhodan.net/index.php das Impressum ansteuert. Aus dem Impressum geht hervor, dass das Forum vom Verlag Pabel-Moewig betrieben wird, der auch die Heftromane etc. vertreibt. (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 5 Stand: 24.07.2018. 6 Etwa: https://forum.sf-fan.de/viewforum.php?f=33&sid= 5ad2570cc61b7bdfb56790b9aadb7be9 oder https://www.proc. org (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 7 Es sind 606.479 Beiträge auf https://forum.perry-rhodan. net, Stand 24.07.2018. Für die Hilfe bei der digitalen Analyse des Forums danke ich dem Lehrstuhl Digitale Medien und Methoden der Universität Siegen und vor allem Jörn Preuß. 8 Spezialisiert auf Kritik an der stilistischen Form der Hefte ist die Rubrik Sprachnörgeleien auf http://prchronik.zweikiesel. de/sn_all.php (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 9 Vgl. https://www.politik-im-exil.de/viewtopic.php?p=27788 #p27788. (Letzter Zugriff: 10.09.2018). 10 https://forum.sf-fan.de. 11 Vgl. unter der Überschrift „Mutti ist die beste“ die Presseschau der ZEIT: https://www.zeit.de/politik/deutschland/ 2013-09/bundestagswahl-wahlergebnis-presseschau (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 12 Aufschlussreich die Diskussion unter dem Thread „Vor 50 Jahren – Das zweite Imperium“. https://forum.perry- rhodan.net/viewtopic.php?f=55&t=6194 (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 13 https://forum.perry-rhodan.net/viewtopic.php?f=73&t=10249&p=592465&hilit=Trump#p592465 (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 14 https://forum.perry-rhodan.net/viewtopic.php?f= 16&t=7769&p=606636&hilit=Exil&sid=422d09439e1647c- 3f106e33165c06bc3#p606636 (Letzter Zugriff: 8.09.2018). 15 SAN spielt auf einen Langzeitplan Perry Rhodans an, ein intergalaktisches Verteidigungsbündnis gegen kosmische Bedrohungen zu schaffen. 16 https://www.perrypedia.proc.org/wiki/Perrypedia: Willkommen#Willkommen_bei_der_Perrypedia. 17 https://www.perrypedia.proc.org/wiki/Dritte_Macht# Anmerkung_zum_rechtlichen_Sachverhalt. 18 https://forum.perry-rhodan.net/viewtopic.php?f= 4&t=10398. 19 https://forum.perry-rhodan.net/search.php?keywords= Polarisierung. 20 https://forum.perry-rhodan.net/viewtopic.php?f= 16&t=5835&p=260627&hilit=eskalation+Krieg#p260627. 21 Der Redakteur Klaus N. Frick am 8.12.2016: „Ich erlaube mir den vorsichtigen Hinweis darauf, dass wir in diesem Forum politische Diskussionen (und dazu zählt m.E. die aktuell in diesem Thread ausbrechende Generalkritik an der angeblichen ‚Political Correctness‘) aus guten (sic!) Grund nicht wünschen. Bitte diskutiert über die Serie und die Inhalte. Für Politik gibt‘s haufenweise andere Foren.“ 22 https://forum.perry-rhodan.net/viewtopic.php?f= 4 & t = 9 0 4 4 & p = 5 0 8 9 0 1 & h i l i t = p o l i t i c a l + c o r r e c t - ness#p508901. 23 https://forum.perry-rhodan.net/viewtopic.php?f= 4&t=10640 (Letzter Zugriff: 10.09.2018). 24 http://perry-rhodan.blogspot.com/2018/08/hyperlicht. html (Letzter Zugriff:10.9.2018).