„Working the Body – Graduiertentagung in Theorie und Praxis” Bericht der ersten studentisch organisierten Tagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft (KWG), Universität Hildesheim, 31.08.2017–02.09.2017

Szene 1: Auf einer hell ausgeleuchteten Bühne posieren sechs Studierende. Auf den Zuruf „Double Biceps“ spannen sie den Oberarm und präsentieren ihre Muskelstränge unter dem wachsamen Blick der Workshop-Leiterin, der Bodybuilderin Isa Fontbona-Mola.

Szene 2: Vor den Augen der TagungsteilnehmerInnen schwebt ein Tanzpaar leichtfüßig über das Parkett. Die Pailletten auf dem Kleid funkeln mit dem strahlenden Lächeln um die Wette, während sich die Körper in perfekter Zweisamkeit durch das Hildesheimer Theaterhaus bewegen – sich in Pose werfen, zur Figur erstarren, nur um in die nächste Drehung, die nächste Schrittfolge zu wechseln.

Szene 3: In dem improvisierten Wrestling-Ring der Kulturfabrik Löseke, Hildesheim, stehen sich die Frankfurter Wrestler „Maggot“ und „Carsten Crank“ gegenüber, angetan mit engen Spandexhosen. Unter dem Jubel von Studierenden und ProfessorInnen setzt „Crank“ zum fatalen „Armlock“ an, hält seinen Gegner „Maggot“ einen Moment lang im Würgegriff, bevor der sich triumphierend befreit und seinen Ring-Kontrahenten mit einem „Bodyslam“ zu Boden wirft.

Drei Szenen der Hildesheimer Graduiertentagung „Working the Body“, der ersten studentisch organisierten Tagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft.1 Was verbindet diese drei Sportarten? Welche Gemeinsamkeiten haben Bodybuilding, Ballroom Dancing und Professional Wrestling? Was bedeutet diese Verschränkung von populärer Körperkultur mit wissenschaftlicher Forschung?

Die implizierte inhaltliche Nähe dieser Entertainment- oder Showsportarten erscheint ungewöhnlich. Vordergründig ist nur die Übereinstimmung des textilen Dekors, die oft glitzernden, mit Leder und Strass besetzten, hautengen Kostüme. Während der Tagung „Working the Body“ beschäftigten sich die TeilnehmerInnen mit diesen disziplinierten gebräunten und ausgestalteten Körpern, die nur auf ein Ziel hin trainiert werden: möglichst perfekt eine Pose, einen „Move“, eine Drehung, eine Figur einzunehmen. Wir als VeranstalterInnen gehen davon aus, dass der Wettstreit immer auch auf einer ästhetischen Ebene stattfindet, die freilich, je nach Genre, variiert. Ein konzeptioneller Schwerpunkt unserer Tagung bestand folglich in der Verzahnung von theoretischer und praktischer Forschung, die wir als offene Fragestellung mit allen TeilnehmerInnen postulierten: Was bedeutet eine ästhetische Praxis als Gegenstand und als Methode der Forschung? Unser Vorschlag zielte darauf, die Tagung als kreative Mischung von drei theoretischen Vortragspanels, Reflexions-Runden, Workshops und einem Praxisprojekt zu gestalten.

Beate Absalon (Berlin) eröffnete mit ihrem Beitrag das erste Panel „Inszenierung und Ästhetik des sportiven Körpers“. Sie stellte den weiblich konnotierten Sport des Synchronschwimmens vor und untersuchte die Inszenierung der ornamentalen Gruppenkonstellationen unter dem Gesichtspunkt des Entfremdeten, Unnatürlichen. Tim E. Huyeng (Koblenz) stellte im Folgenden seine ethnografische Herangehensweise bei der Untersuchung der Körper im Fitnessstudio vor. Anna Luhn (Berlin) beschrieb den Körper des Akrobaten und schilderte das subversive Potenzial des artistischen Köpers um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das Panel „Bodybuilding and Gender Discourse“ führte diese Thematik weiter mit den Beiträgen von Michael Geißelbrecht (Hildesheim) und Isa Fontbona-Mola (Girona). Beide schilderten den Körper der BodybuilderInnen als Kunstfigur: Während sich Geißelbrecht auf die Performativität des Körperkultes konzentrierte, betonte Fontbona-Mola die feministischen und emanzipatorischen Möglichkeiten des weiblichen Körpers im Bodybuilding. „Weitere Perspektiven auf Körperinszenierung und -praxis“ waren Gegenstand des dritten Panels. Konstantin Biehl (Halle) analysierte körperliches Wissen als Grundlage von Performance mit seinen Beobachtungen zu Wissensproduktion und Testen bei kenianischen Langstreckenlaüfern. Henrik Wehmeier (Hamburg) reflektierte die Selbstinszenierung archaischer Männlichkeit und devianter Hypermaskulinität am Beispiel der Musikgruppe Rammstein.

In vier Workshops bekamen die TagungsteilnehmerInnen anschließend die Möglichkeit der „handfesten“ Umsetzung.2 Bei Anne Webers WertungsrichterInnen-Workshop erfuhren sie von den ästhetischen Parametern der Turniertanzbewertung und konnten sie direkt anwenden, in der Tanzstunde von Matti Müller erlernten sie den eight-count-Grundschritt des Swingtanzes. Zugleich versuchten sie sich an Bodybuilding-Posen unter Leitung Isa Fontbona-Mola‘s oder spürten beim Wrestling Try-Out-Workshop von Amir Wittkamp, Carsten Zipfel und Jos Diegel den „Bodyslam“ am eigenen Körper. Außerdem rahmten zwei professionelle Show-Events die Tagung: Die Präsentation von fünf Standardtänzen der norddeutschen Meister Anne Weber und Daniel Radu sowie die Wrestlingshow „In defense of common sense“ der „new Generation wrestling“, Frankfurt.

Zentraler Fokus blieb die Verbindung wissenschaftlicher Theorie mit somatischen Erfahrungsmöglichkeiten, die Verknüpfung zwischen Forschung und ästhetischer Praxis – stets in Bezug auf Unterhaltungsformen, die sich nicht allein mit einer begrifflichen Analyse fassen lassen. Im Mittelpunkt standen die arbeitenden Körper, die jene spezifischen Praxen im wahrsten Sinne des Wortes verkörpern. Zugespitzt formuliert: Um Bodybuilding oder Ballroom Dancing zu verstehen, bedarf es eines erweiterten Erlebens der Performance, das einzig durch und in der aktiven Teilnahme der ZuschauerInnen erfühloder nachvollziehbar wird. Diese besondere Form der Auseinandersetzung, nämlich Theorie und Praxis als untrennbare Elemente zusammenzudenken, war das inhaltliche Leitmotiv von „Working the Body“. Die Beschäftigung mit den Körpern der Professional WrestlerInnen, der BodybuilderInnen, TänzerInnen oder SynchronschwimmerInnen beinhaltete zugleich die Auseinandersetzung mit Körperpraktiken einer populären Unterhaltungskultur. Die Faszination für die Show-Sportarten speist sich dabei aus der von Hans-Otto Hügel postulierten „ästhetischen Zweideutigkeit“3 der Unterhaltung, die sich an den Figuren der Entertainment-Show-Sportarten eindringlich zeigt. Das heißt, auch wenn das Dargestellte von den PerformerInnen so ernst genommen wird, dass sie bisweilen ihr gesamtes Leben danach ausrichten, etwa durch rigorose Trainings- und Ernährungsgewohnheiten, so ist die Praxis der Aufführung doch eine andere. Trotz harter physischer Anstrengung wird die Pose, also die glitzernde und glänzende Oberfläche, scheinbar mühelos und ohne jegliche Anstrengung präsentiert.

Der Aspekt der Unterhaltung kommt verstärkt im Moment der Rezeption zum Tragen, wenn die ZuschauerInnen an der jeweils vorgeführten Körperpraxis teilhaben und so eine, wenn auch temporäre, Gemeinschaft konstituieren. Da das Erleben dieser Show-Sportarten nahezu intrinsisch in die Körper der PerformerInnen eingeschrieben ist, stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit diesen Körper-Inszenierungen um, wenn sie sich als Teil einer (kultur-)wissenschaftlichen Forschung präsentieren? Reicht die klassische Rezeption aus dem ZuschauerInnenraum? Genügt die imaginäre Teilhabe oder müssen wir als ForscherInnen selbst mit auf die Matten, die Bühne, das Parkett oder in die Schwimmbecken?

Im Rahmen von „Working the Body“ zeigte sich diese Herangehensweise an der Verschränkung verschiedener Tagungsformate, also von Vorträgen, Workshops, Präsentationen, Nachgesprächen und Diskussionsrunden. Das galt für die spürbare konkrete Resonanz und sinnliche Erfahrung, aber es betraf auch Planung, Organisation und Durchführung der Formate und ihre Nachbereitung.

Nach Mathias Rebstocks „dreiteilige[r] Systematisierung“4 zum Verhältnis von Kulturwissenschaften und ästhetischer Praxis geht es um die Forschung über ästhetische Praxis, die Forschung in ästhetischer Praxis und schließlich um die Forschung durch ästhetische Praxis. „Im Fall von kulturwissenschaftlicher Forschung über ästhetische Praxis markiert der Begriff den Gegenstandsbereich der Forschung.“5 Für die Tagung betraf diese Herangehensweise die Vorträge über Körperpraktiken, wie Synchronschwimmen, Bodybuilding oder Akrobatik. Mit wenigen Ausnahmen existierte dabei eine klare Trennung von BeobachterInnenposition und Forschungsgegenstand. Letztere sind meist medial wie zeitlich abgesteckt und werden als „abgeschlossene“ ästhetische Praxis verstanden: Videos und Fotografien von Wettkämpfen, Shows werden mit einer manifesten Distanz analysiert, beziehungsweise in einen neuen Kontext gestellt. Forschung in ästhetischer Praxis meint, dass die wissenschaftlichen Methoden selbst als Teil einer ästhetischen oder künstlerischen Praxis in Erscheinung treten, das heißt: „Forschung vollzieht sich in Formen der künstlerischen Praxis.“6 Marina Sahnwaldt (Lüneburg) demonstrierte dieses Konzept zusammen mit dem Musiker Stefan Leisegold in der Klangsport-Lecture-Performance mit dem Titel „Körper unterstehen dem Primat des Visuellen. – Was bleibt, wenn wir die Augen schließen?“ In ihrem Projekt dokumentiert Sahnwaldt verschiedene Originaltonaufnahmen von Sportarten und archiviert sie digital, um sie dann KünstlerInnen etwa für Kompositionen zur Verfügung zu stellen.

Der Ausdruck „verkörpertes Wissen“7 mutet bereits in seiner Begrifflichkeit an, welche Rolle einem Subjekt zukommt, das unter dem Thema „Working the Body“ angelegt ist. Damit lag es nahe, dass wir VeranstalterInnen uns entschieden, während der Tagung verschiedene somatische Erfahrungsräume zu vermitteln, sei es auf den Wrestlingmatten, dem Tanzparkett oder im Seminarraum.

Literaturverzeichnis

Elberfeld, Rolf/Krankenhagen, Stefan (Hgg.) (2017): Ästhetische Praxis als Gegenstand und Methode kulturwissenschaftlicher Forschung. München: Wilhelm Fink.
Hügel, Hans-Otto (2007): Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von Unterhaltung und Populärer Kultur. Köln: Halem.
Rebstock, Matthias (2017): Zum Verhältnis von Kulturwissenschaften und ästhetischer Praxis. Eine Standortbestimmung aus Sicht der Hildesheimer Kulturwissenschaften. In: Elberfeld, Rolf/Krankenhagen, Stefan (Hgg.) (2017): Ästhetische Praxis als Gegenstand und Methode kulturwissenschaftlicher Forschung. München: Wilhelm Fink, S. 27–42.

Fußnoten

1 Die Graduiertentagung bot ebenfalls einen Rahmen für das Treffen der Sektion „Kulturwissenschaftliche Ästhetik“ unter dem Vorsitz von Jun. Prof. Dr. Amalia Barboza (Saarland), Prof. Dr. Stefan Krankenhagen (Hildesheim) und Prof. Dr. phil. Ulf Wuggenig (Lüneburg). „Working the Body“ fand vom 31.08.2017 bis zum 02.09.2017 in den Räumlichkeiten der Kulturfabrik Loseke e. V. und dem Theaterhaus Hildesheim e. V. statt. 2 Die Titel der Workshops lauteten wie folgt: Anne Weber: „Marking sportsmen or evaluating art? The challenge of judging Ballroom Dancing“, Matti Müller: „Yes sir, I can boogie“, Isa Fontbona-Mola: „Holding it! It’s time to pose down! Posing in Bodybuilding“, Jos Diegel, Amir Wittkamp und Carsten Zipfel: „The World of Wrestling! Professional Wrestling Try-Out-Workshop“. 3 Hügel, Hans-Otto (2007): Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von Unterhaltung und Populärer Kultur. Koln: Halem. 4 Rebstock, Matthias (2017): Zum Verhältnis von Kulturwissenschaften und ästhetischer Praxis. Eine Standortbestimmung aus Sicht der Hildesheimer Kulturwissenschaften. In: Elberfeld, Rolf/Krankenhagen, Stefan (Hgg.) (2017): Ästhetische Praxis als Gegenstand und Methode kulturwissenschaftlicher Forschung. München: Wilhelm Fink, S. 29. 5 Ebd.: S. 30. 6 Ebd.: S. 32. 7 Ebd.: S. 36.